Il Penseroso

Neuauflage einer phantastischen Liszt-Einspielung von Wilhelm Kempff

Durch seine in ganz Europa umjubelten und zu Höchstpreisen ausverkauften Konzerte zu Ruhm, Geld und Ehrungen gelangt, konnte Franz Liszt schon mit 30 Jahren ein weitgehend unabhängiges Leben führen. Dabei schwankte der Klaviervirtuose jedoch hin und her zwischen der Welt der glitzernden Salons etwa in Paris - der damaligen Welthauptstadt der Musik - und einer Tendenz zur Zurückgezogenheit, zur religiös-meditativen Verinnerlichung. Im Alter von 54 Jahren ließ Liszt sich in Rom die niederen kirchlichen Weihen erteilen und nannte sich von da an Abbé Liszt. Im Zeichen dieser Zurücknahme äußerlicher Effekte sind auch seine musikalischen Tagebuchaufzeichnungen, die "Années de Pélerinage", "Jahre der Wanderschaft", zu sehen - ein zweibändiger Klavierzyklus, den Liszt in den 1830er Jahren komponierte.
Der erste Band ist der Schweiz gewidmet und stellt eine musikalisch-poetische Landschaftsbeschreibung dar, während der zweite Teil während einer Reise durch Italien entstanden ist und vor allem von Kunstwerken und der Literatur inspiriert ist. So z.B. ist das erste Stück "Sposalizio" eine intime Meditation über ein Gemälde von Raffael mit dem Titel "Die Vermählung Mariä". Liszt übersetzt die stille Anmut des Bildes in eine zärtlich entrückte Tonsprache - eine Art Liebesszene zwischen Maria und ihrem Bräutigam Joseph. 1975 hat der Pianist Wilhelm Kempff dieses Stück eingespielt. Kempff war damals bereits 80 Jahre alt und längst eine Legende.

Vor allem mit seinem Beethoven und seinem Schubert-Spiel hat der 1895 geborene Kempff, der noch von einem Schüler Hans von Bülows unterrichtet worden war und 1918
unter Arthur Nikisch sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gegeben hatte, seit den 40er Jahren Maßstäbe gesetzt. Aber auch dem oft belächelten Virtuosen-Komponisten Franz Liszt hat Kempff mit einer gänzlich uneitlen, unäußerlichen Interpretationsweise zu einer gewissen Rehabilitation verholfen.

Statt für das äußerliche Virtuosentum Liszts interessierte sich Kempff für die poetische Tiefgründigkeit, wie etwa in "Il Penseroso", inspiriert von Michelangelos Skulpur "der Denker" auf dem  Grabmal eines Medici-Fürsten in Florenz schmückt. Der inneren Monolog, den Wilhelm Kempff hier veranschaulicht besitzt philosophische Tiefe, hat aber gleichzeitig eine ungeheuere Spannung in jeder Phrase. Fast scheint es, als würde Kempff die Musik in dem Moment erfinden, in dem er sie spielt. Oder wie es Yehudi Menuhin, der mit ihm viel Kammermusik gespielt hat, einmal ausdrückte: "Wilhelm Kempff vereinigt in großartiger Weise das Natürliche mit dem Spontanen."

Drei der Stücke aus dem zweiten Band der Annees de Pélerinage gehen auf Gedichte des italienischen Renaissance-Dichters Petrarca zurück, Liebesgedichte voll melancholischer, elegischer Stimmungen. Im Sonett 104 beschreibt Petrarca seine auswegslose Situation als Verstoßener seiner Geliebten Laura und als Gefangener der Liebe: "Vom Schmerze leb' ich, lache bei der Träne, gleich schrecklich ist mir Leben, ist mir Sterben. So ist durch dich, o Laura, jetzt mein Leben."
Man muß der Deutschen Grammophon dankbar sein, dass sie diese Aufnahmen von 1975 jetzt zum Liszt-Jahr 2011 - digital überarbeitet - neu auf CD herausgebracht hat - mit der Abbildung der Original-LP auf der Disc, was der Scheibe einen schönen Retrolook verleiht.

Robert Jungwirth

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