Perücken aus Badeschaum

Maximilian Schell als Kaiser und Ensemble © Thomas Dashuber

Der neue Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters, Josef E. Köpplinger, inszeniert zum Auftakt seiner ersten Spielzeit Benatzkys "Weißes Rössl"

(München, 11. Oktober 2012) Was für eine Szene: prall über den Boden wallendes blaues Gedünst, in dem Amoretti beiderlei Geschlechts herumhüpfen - die Burschen in metallic glänzend hellblauen kurzen Trachtenhosen mit Trägern über der nackten Brust und bewaffnet mit dem Pfeil Amors; entsprechend aufgehübscht und den Bogen haltend die Mädels. Dazu jeder mit Unisex-Perücke, die aussieht wie eine Haube aus Badeschaum. So muss es bei der Uraufführung von "Im weißen Rössl" 1930 in Berlin zugegangen sei: Ironisch augenzinkernde Alpen-Sommerfrische-Folklore als große Revue in einem Zirkustheater.

Auch im Münchner Norden gibt es derzeit so etwas wie ein Zirkus-Theater-Zelt. Normalerweise ist es - direkt an der U-Bahn in Sichtweite zur Allianz-Arena gelegen - die Ausweichspielstätte des Deutschen Theaters. Jetzt feiert dort das Gärtnerplatztheater, das drei Jahre lang saniert wird, große Operetten-Premiere und alle sind da. Münchens gesammelte (Kultur-)Schickeria, Stars und Sternchen, schwule Pärchen in dezenter Tracht, aber auch viele "Normalos", die die 1600 Plätze des geräumigen Zelts bis auf den letzten Platz füllen. Schon zum Entrée im Vorzelt gibt es schmucke Schuhplattler und eine Blaskapelle, Kinderchor und Verkäuferinnen im Dirndl mit Bauchladen.

Nun hat sich Josef E. Köpplinger für den Auftakt seiner Intendanz nicht irgendein Stück ausgesucht, sondern mit "Im weißen Rössl" ein unverwüstliches Schlachtross, dessen  Autoren - von Erik Charell über Ralph Benatzky und Robert Gilbert bis Robert Stolz - die Gattunggrenzen des "leichten" Musiktheaters zwischen Operette, Musical, Singspiel und Revue sprengen. So hat das Stück noch alle Bearbeitungen überstanden, einschließlich diverser mehr oder minder gelungener - oder verfälschender - Verfilmungen. Vom Gärtnerplatztheater aus trat nach dem Krieg die verharmlosende Stadttheater-Version ihren Siegeszug an, jetzt spielt dasselbe Haus die "bühnenpraktische Rekonstruktion der Originalfassung von Matthias Grimminger und Henning Hagedorn unter Mitarbeit von Winfried Fechner". Das Orchesters sitzt im Graben vor der breiten Bühne mit Berg-Panorama im Hintergrund und einem großen himmelblauen Prospekt voller Schäfchenwolken (Bühne und an die Entstehungszeit angelehnte Kostüme: Rainer Sinell). Links daneben spielt eine Jazz-Combo mit E-Gitarre und Saxophonen, rechts aussen wartet ein Zithertrio auf seinen Einsatz. Wenn dieses Trio zusammen mit einem echten Jodler die Zeit stillstehen lässt, düdelt gleich irgendwo im Publikum ein Handy unerwartet mit - großartig!

Vielleicht hätte es öfters einer derart feinen Ironisierung bedurft, denn bei allem perfekten Timing, das vor allem im ersten Teil des zweieinhalbstündigen Abends für Tempo bei den treffsicheren Gags, prägnanten Dialogen, großen Chor- und hübschen Tanzszenen des hauseigenen Balletts sorgte (Choreographie: Karl Alfred Schreiner), trug Köpplinger im zweiten Teil manchmal etwas dick auf: Kühe auf je vier (Männer-)Beinen im Melk-Ballett, ein kleinwüchsiger Diener (Wolfgang Schubert) des Kaisers (in Gestalt des äußerst begütigend auf alle einwirkenden Maximilian Schell), vier immer wieder über die Bühne polternde tumbe Stallburschen und ein mittelalterliches sexgeiles Brautpaar, dazu ein blinder Oberförster, der tatsächlich eine Frau auf der Alm erschießt, die dann auch noch tot im Wolfgangssee schwimmen darf - das war weniger komisch oder ironisch als schlicht überflüssig.

Die altbekannten Schlager wie "Die ganze Welt ist himmelblau", "Es muss was Wunderbares sein", "Im weißen Rössl am Wolfgangssee", "Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist" oder das leitmotivische "Zuschau'n mog i ned" des liebeskranken Leopolds zündeten freilich prächtig, auch dank Michael Brandstätter am Pult des bestens aufgelegten Gärtnerplatz-Orchesters. Gecastet war das Personal durchweg gut: Sigrid Hauser, deren profunde Sprechstimme zu ihrem Zwitscher-Sopran schräg kontrastierte, wurde als Rösslwirtin mit ihrem so lange verschmähten Zahlkellner Leopold am Ende endlich handelseinig und verpflichtete ihn "als Ehemann auf Lebenszeit". Denn Daniel Prohaska hatte mit tenoralem Schmelz und Wiener Schmäh einen ganzen Abend an sie hingeschmachtet. Bettina Mönch als lispelndes Käthchen bekam ihren Schmetterlinge fangenden nervösen Windbeutel in Gestalt des etwas überdrehten Michael von Au. Und Tilmann Unger - fast schon ein tenorales Schwergewicht - die sanfte Ottilie (Iva Mihanovic) des Herrn Giesecke. Der war bei Hans Teuscher ein richtiges Berliner Original, wie auch Wolfgang Kraßnitzer den liebenswert verschrobenen Privatgelehrten Hinzelmann wunderbar spielte, der sich seine Reiselust und Wanderleidenschaft buchstäblich vom Mund abspart.

Klaus Kalchschmid

(Weitere Aufführungen täglich außer Montag bis 11. November 2012)

online seit 13-10-2012


Share |