Rilke auf den Kopf gestellt

Foto: Biennale/Regine Koerner

"Die weiße Fürstin" von Márton Illés wird bei der Münchner Biennale uraufgeführt und hinterläßt eher Ratlosigkeit

(München, 28. April 2010) Die zweite Uraufführung der Münchner Biennale, "Die weiße Fürstin" von Márton Illés, ist ein Kammerspiel - in jeder Hinsicht: gerade mal 60 Minuten lang, die Vorlage ein Dramatisches Gedicht von Rilke, vieles davon wird gesprochen, die Musik eher karg. Der Plot: Eine Frau erwartet ihren Mann, von dem sie zum ersten Mal seit der Hochzeit vor elf Jahren getrennt ist. Ein Bote kündet vom Elend im Land. Die vermeintliche Ankunft des geliebten Mannes verzögert sich, die Schwestern kommen sich erotisch näher, am Ende bleibt Ungewissheit. Doch daran ist der 34jährige Ungar Márton Illés erstaunlich wenig interessiert, er splittert die Figuren der Fürstin, ihrer Schwester und des Haushofmeisters auf verschiedene Sänger und Schauspieler auf, nur der Bote (Julian Mehne) ist eine fest umrissene Figur. Illés lässt oft gleichzeitig singen und sprechen, Texte zwischen den Figuren hin und herwandern, Sprechen und Singen derart überblenden, dass man sich an den Übertiteln im Carl-Orff-Saal festhalten muss, wenn man nicht gleich das Libretto mitliest.

"Scene polidimensionali XVII" nennt Illés - von dem in München schon großartige Kammer- und Orchestermusik zu hören war - "Die weiße Fürstin". Denn vorangegangen sind drei Stücke nach Rilke-Gedichten, aber auch ein Streichquartett und ein Orchesterwerk, die quasi zu der Oper hinführen. So ist die  Musik für sich genommen durchaus spannend, virtuos (Klavier!), oft karg, bohrt sich manchmal geradezu in die Gehörgänge. Doch das Problem ist, dass sie abstrakt zum Text bleibt, wenn sie ihn nicht gnadenlos auf die Schippe nimmt. Da hilft es auch nichts, dass das kleine Orchester aus Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters Kiel ins Bühnenbild integriert ist und unter Georg Fritzsch enorm geschärft spielt, wie auch Sänger und Schauspieler hervorragend sind.
Was ein melancholisch verschatteter Abend hätte werden können, wird durch permanente Ironisierung und eine bald unerträglich verkünstelte Sprechkultur, die Rilkes Text geradezu auf den Kopf stellt, letztlich immer zweifelhafter.

Dabei bleibt die Ausstattung (Christian Wiehle) durchaus konkret: Die Kostüme suggerieren Sommerfrische am Meer, vorne stehen Wasserbecken, im Hintergrund erhebt sich ein bespielbarer Kasten auf Stelzen, ein Pier assoziierend. Doch die Überambitioniertheit von Regisseurin Andrea Moses verselbständigt sich und hinterlässt am Ende nur noch enttäuschte Ratlosigkeit.

Klaus Kalchschmid

Noch eine weitere Aufführung am 30. April (20 Uhr) im Carl-Orff-Saal des Gasteig in München sowie am 8., 16., 24. Mai und am 13. Juni in Kiel. www.muenchenerbiennale.de


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