Mieczyslaw Weinbergs Sonaten für Viola solo sind in einer vorbildlichen Einspielung der Münchner Bratschistin Julia Rebekka Adler beim Label NEOS erschienen
Schade, dass Mieczyslaw Weinberg das nicht mehr erleben durfte: Die Musik des 1996 in Moskau verstorbenen polnisch-russischen Komponisten wird derzeit so häufig gespielt wie nie zuvor: Bei den Bregenzer Festspielen steht in diesem Sommer die szenische Uraufführung seiner Oper "Die Passagierin" an, das Royal Liverpool Philharmonic erkundete kürzlich einen Monat lang Weinberg-Raritäten und das englische Label Chandos brachte eine Reihe von Symphonien heraus. Aus München, wo die großen Orchester um Weinberg bisher noch einen Bogen machen, kommt jetzt ein wichtiger Beitrag zur Wiederentdeckung von Weinbergs Kammermusik: Julia Rebekka Adler, die stellvertretende Solobratscherin der Münchner Philharmoniker, legte beim Label NEOS die erste Gesamteinspielung der Sonaten für Viola solo vor.
Dass das zwei CDs umfassende Album ein veritabler Wurf geworfen ist, ist der Interpretin mindestens ebenso zu danken wie dem Komponisten. Sich mit Nischenrepertoire und Neuentdeckungen zu präsentieren, ist für aufstrebende junge Künstler ja durchaus ein zweischneidiges Schwert. Zwar sichert das Abseitige eine gewisse mediale Aufmerksamkeit, es trübt jedoch mangels Vergleichsmöglichkeiten auch ein wenig den Blick für die Güte der Interpretation. Einen Vergleich braucht Julia Rebekka Adler aber nicht zu scheuen: Die Intensität, mit der sie sich in diese dunkle, nachdenkliche Musik hineinbohrt, die mal vor Energie fast birst, mal mit spröden Floskeln Grausiges kaschiert, überzeugt unmittelbar. Vom sonoren Lamento über die fahl tönende leere Saite bis hin zur warmen Höhe bratscht Adler Erstaunliches. Brillantes oder gar grell Überdeutliches vermag freilich auch sie der Viola nicht zu entlocken.
Weinberg hat die Bratsche wohl gerade ihrer noblen Dezenz wegen so sehr gemocht und ihr deshalb 1971, 1978, 1982 und 1983 je eine Solosonate gewidmet. Seiner Komponierweise kommt die Zurückhaltung der Bratsche perfekt entgegen: Weinberg ist nicht der Mann fürs Schrille. Der manchmal hohl tönende Sarkasmus eines Dmitri Schostakowitsch, mit dem ihn ein enger künstlerischer Austausch verband, war seine Sache nicht. Nahe ist Weinberg Schostakowitsch allerdings in der relativ einfachen Zugänglichkeit seiner Musik. In besonderem Maße gilt das für die Sonate für Klarinette und Klavier, die Adler hier gemeinsam mit dem Pianisten und Weinberg-Experten Jascha Nemtsov in einer Bearbeitung für Viola und Klavier eingespielt hat: Bekenntnismusik eines polnischen Juden, dessen Familie im Holocaust fast vollständig ausgelöscht wurde und der hier im Mittelsatz, einem zu Herzen gehenden Klagegesang, seiner Trauer und zugleich seiner Verbundenheit mit der jüdischen Tradition Ausdruck verleiht.
Weinbergs Klangsprache ist zumeist tonal fest verwurzelt, in Harmonik und Melodiebildung gelegentlich von der jüdischen Folklore beeinflusst, manchmal anrührend kantabel, nicht selten auch sprachnah lakonisch. Wer behauptet, Weinberg habe sich das meiste bei Schostakowitsch abgeschaut und es nur mit ein wenig Klezmer gewürzt, der sollte sich das eng miteinander verwobene Schaffen der beiden Komponisten einmal näher ansehen. Schostakowitsch hat von Weinberg mindestens ebenso viel kopiert wie Weinberg von Schostakowitsch. Auf welchen kompositorischen Höhen sich Weinberg bewegt, wird deutlich, wenn man seine Sonaten vergleicht mit der Violasonate des 2007 verstorbenen Bratschisten und Komponisten Fyodor Druzhinin, für die auf Adlers Weinberg-Album noch Platz war. Das verteufelt schwere Stück klingt mehr nach Etüde als nach Sonate, es mangelt an dem Ausdrucksbegehren, das Weinbergs Musik so entdeckenswert macht.
Markus Schäfert