Der Fluch eines Bildes

Foto: Karl Forster

Mieczyslaw Weinbergs "Das Portrait" bei den Bregenzer Festspielen als westeuropäische Erstaufführung

(Bregenz, 5. August 2010) Nachdem Mieczyslaw Weinbergs grandiose erste Oper "Die Passagierin" aus dem Jahr 1968 gerade ihre szenische Erstaufführung in Bregenz erlebt hat, wurde ihr nun die satirische Kammeroper "Das Portrait" nach Gogol zur Seite gestellt. 1980 als vorletztes Werk für das Musiktheater komponiert - "Der Idiot" nach Dostojewski sollte 1989 noch folgen - hat Weinberg hier  auch eine Art Selbst-Portrait geschaffen: Bei Gogol erwirbt ein mittelloser Maler das Bild eines alten Mannes mit beängstigend lebendig gemalten Augen, das auf mysteriöse Weise zum Leben erwacht und sich als sprudelnde Geldquelle erweist. Der junge Tschartkow erhält so neben dem dringend benötigten Geld auch enormes Selbstbewusstsein. Das verschafft ihm Aufträge und Renommee, er wird der reiche Modemaler von Sankt Petersburg.
Als er auf einer Ausstellung die Bilder eines gerade aus Italien zurückgekehrten Malers entdeckt, muss er feststellt, dass er selbst nur noch gefällige Dutzendware produziert. Darüber wird seine seelische und körperliche Gesundheit zerrüttet.

Der erst kürzlich verstorbene Textdichter Alexander Medwedew verzichtet in seinem Libretto auf den zweiten Teil der Erzählung, in dem auch die Vorgeschichte des Bildes verhandelt wird: Der Sohn des Künstlers, der seinerzeit das Portrait eines teuflischen Wucherers gemalt hat, will es auf einer Auktion zurückkaufen, um es zu vernichten und seinen Fluch, der schon mehrere Menschen ins Verderben gestürzt hat, auszulöschen. Doch es wird gestohlen und kann weiter sein Unwesen treiben.

In der Oper konzentriert sich die Handlung daher auf den Künstler, der sich der Gesellschaft und ihrem Drang zur Selbstdarstellung anbiedert und darüber zugrunde geht. Auch Weinberg stand wohl nach der Ablehnung durch die sowjetischen Machthaber seiner ersten Oper "Die Passagierin", die das Grauen von Auschwitz und seine Verdrängung in den Mittelpunkt rückt, vor der Frage, wie sehr er seine Ansprüche an Sujet und Vertonung ändern kann oder muss, wie weit ein Kompromiss welcher Art auch immer für eine öffentliche Aufführung gehen darf. Auf "Die Madonna und der Soldat", in der Soldaten der Roten Armee auf die polnische Landbevölkerung treffen (1970), und eine Musiktheaterversion der "Drei Musketiere" (1971) folgten in den 70er Jahren komische Opern und Operetten, schließlich die zumindest an der Oberfläche unverfänglichen Gogol- und Dostojewski-Vertonungen. Trotzdem wurde "Das Portrait" nicht in Moskau, sondern 1983 in Brünn uraufgeführt.

Während Weinberg den Aufstieg des Malers und das Treiben der Petersburger Gesellschaft à la Schostakowitsch satirisch grell überzeichnet, dabei aber selbst in eine gewisse Geschwätzigkeit, manchmal in einen polyphonen Leerlauf des klein besetzten Orchesters verfällt, ändert sich dies nach der Pause radikal. Faszinierende Klangwelten tun sich auf: Vielfältig ineinander geschichtete Streicherflächen münden in schneidende Schärfe. Manches mutet an wie die Wahnsinnsszene aus Mussorgskys "Boris Godunow", wenn dunkle Glocken gegen helle Flötentöne gesetzt werden. Oder das Ende von Debussys "Pelléas et Melisande" klingt an in fallenden, sich aneinander reibenden Sekunden. Immer wieder bäumt sich die Musik in gewaltigen Crescendi auf, um desto tiefer in sich zusammenzufallen. Oft klingt sie geradezu wahnhaft zerklüftet und erhält eine existentielle Dringlichkeit, die das Schicksal des Helden spiegelt.

Ihn singt und spielt der britische Tenor Peter Hoare zunehmend intensiver und mutiger, bis er schließlich selbst im leeren Rahmen des zerstörten Bilds als Toter drapiert wird. Wie in Jacques Offenbachs "Le contes d?Hoffmann" oder Benjamin Brittens "Death in Venice" werden die Gegenspieler des Protagonisten von einem einzigen Sänger dargestellt, der die Variationen des Bösen verkörpert. So ist der faszinierend wandlungsfähige Bariton Claudio Otelli der Journalist, der den Ruhm des Malers behauptet und ihn so in die Gesellschaft einführt, aber auch ein Kunstprofessor und ein Kunsthändler, der Vermieter, der das Geld für die längst nicht mehr bezahlte Wohnung eintreiben will, ein Graf und ein Geldverleiher. Unter den Nebenrollen ragten David Stout als Diener Tschartkows, Ray M. Wade Jr und Talia Or heraus.

John Fulljames hat in seiner eher konventionellen Inszenierung um eine sich drehende Wand von Dick Bird, der die Figuren zudem mit überzeichneten, aber realistischen Kostümen ausgestattet hat, geschickt Videoproduktionen (Finn Ross) eingesetzt. So können Bilder verschwinden und wieder auftauchen, sich aus dem Rahmen heraus vergrößern und die ganze Bühne füllen oder geradezu lebendig werden. Darin offenbart sich nicht zuletzt die zunehmend wahnhafte Wahrnehmung des Protagonisten. Im kleinen Theater am Kornmarkt und seiner direkten, nichts verschleiernden Akustik dauert es ein wenig, bis das Symphonieorchester Vorarlberg unter Leitung von Rossen Gergov die Musik Weinbergs in ihrem Wechsel aus solistischen Passagen, kammermusikalischer Stringenz und dramatischer Attacke prägnant und präzise umsetzen kann.

Klaus Kalchschmid

Der Schwerpunkt mit Werken Mieczyslaw Weinbergs bei den Bregenzer Festspielen geht am 15. August 2010 zu Ende mit zwei Konzerten, die die Sinfonietta op. 41 und das Trompetenkonzert (11 Uhr) sowie die Kammersymphonie op. 145 (19.30 Uhr) enthalten.www.bregenzerfestspiele.com

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