Webers "Freischütz" in Calixto Bieitos Deutung als "psychologischer Thriller" an der Komischen Oper in Berlin
(Berlin, 30. Januar 2012) So viel Wald war nie. Wer befürchtet hatte, der als Skandal-Regisseur verschriene Calixto Bieito könnte den "Freischütz" seiner heimlichen "Hauptperson" (Hans Pfitzner) berauben, konnte erleichtert aufatmen: Der schon vor Beginn hochgezogene Vorhang gibt den Blick frei auf eine Bühne voll entlaubten Gesträuchs, in unheimliches Licht getaucht. Später kommen vom Schürboden herab mächtige Stämme, die in der Wolfsschlucht-Szene erwartungsgemäß ins Wanken geraten und danach, im 3. Akt, ruinenartig kreuz und quer durcheinander liegen.
Während allerdings bei Carl Maria von Weber der Wald zwei Welten umfasst, die fröhlich-unbeschwerte der Jäger ebenso wie die der dunklen Mächte, steht er bei Bieito für das Abgründige der menschlichen Psyche, das in der Deutung des katalanischen Regisseurs den gesamten Raum einnimmt. Für Versöhnliches, Heiteres ist hier kein Platz: Bieito zeichnet in der Figur des Max das Schicksal eines Menschen, der von einer mitleidlosen Gesellschaft als "Versager" abgestempelt und damit ins unaufhaltsame Verderben gestützt wird: Er macht sich schuldig und verbaut sich damit selbst den Rückweg in die Gemeinschaft. Die Frauen, sonst ein heiterer Gegenpol zu Max' finsterem Jagdgefährten Kaspar, erscheinen nur am Rande und entweder von Depressionen umdüstert (Agathe) oder alkoholselig-albern mit aufgesetzten Schweineohren einen Junggesellinnen-Abschied feiernd (Ännchen und die Brautjungfern).
Das Übernatürliche des "Freischütz"-Stoffes wird weitestgehend eliminiert und auf Psychisches zurückgeführt: Samiel tritt nicht in Erscheinung, sondern steht für das Böse in jedem Individuum, die Freikugeln spielen im Geschehen keine Rolle, ebenso wenig die geweihten Rosen des Eremiten, und die unheilvolle Totenkrone, die Agathe anstelle des Brautkranzes geliefert wird, entpuppt er sich als ein schlechter Scherz Ännchens. Die unheimliche Atmosphäre in der Wolfsschlucht entsteht durch illuminierte Schnapsflaschen und durch ein satanistisches Ritual: Kaspar hat ein junges Brautpaar entführt; zur Gewinnung der Freikugeln ermordet und schändet er die Braut vor den Augen ihres entsetzten Bräutigams, den Max enthaupten muss - ein archaisch-blutrünstiges Männlichkeitsritual. Zum Mörder geworden, steht Max in einer ausweglosen Situation: Kurz danach erschießt er mit dem Ausruf "Ich liebe dich!" Agathe; Kaspar richtet sich selbst durch einen Schuss in den Mund, das Dorfvolk lyncht Max und den Eremiten gleich mit. An sich ein schlüssiges Ende, viel nachvollziehbarer als die Heile-Welt-Lösung, die Weber und sein Librettist Johann Friedrich Kind an die Stelle des ursprünglichen tödlichen Ausgangs der Geschichte gesetzt haben. Oft werden die Grausamkeiten, die Musik und Text unüberhörbar enthalten, heruntergespielt, hier rücken sie in den Mittelpunkt - ein eher ungewohnter Blick auf den "Freischütz".
Aber das abschließende Blutbad erwartet man von Calixto Bieito inzwischen, und da liegt eine Krux des Abends: Es scheint, als habe er sich in seiner eigenen Ästhetik verstrickt und komme nicht mehr heraus. Es gibt keinen rechten Grund dafür, dass sich Max in der Wolfsschlucht-Szene auszieht, mit Erde beschmiert und für den Rest der Vorstellung nackt in der Art eines Affen über die Bühne springt. Ihn als Außenseiter zu zeigen, wäre auch mit anderen Mitteln - und wirkungsvoller - möglich gewesen. Die Drastik, die Bieitos erster Inszenierung an der Komischen Oper, der "Entführung aus dem Serail", nicht nur Berichterstattung in der BILD-Zeitung verschaffte, sondern auch eine ungeheuer wuchtige Wirkung entfaltete, erscheint hier als Masche - und das ist sehr schade angesichts der hervorragenden Personenregie und des an sich überzeugenden Konzeptes. Ärgerlich ist aber auch noch etwas anderes: dass bei Streichungen nicht auf einen entsprechenden Anschluss geachtet wurde. Die Figur des Samiel zu eliminieren, ist eine gute Idee - aber dann muss man sich für den Text in Kaspars Sterbeszene, als er sich an seinen vermeintlichen Verbündeten wendet, etwas einfallen lassen. Und dass Max seiner Agathe den mit einer Freikugel geschossenen Adler präsentiert, hat nur Sinn, wenn der Adler vorher auch, auf Kaspars Veranlassung, erlegt wurde.
Während die Inszenierung also einige Fragen offen lässt, bleiben in musikalischer Hinsicht fast keine Wünsche offen. Zuvorderst ist das Orchester zu nennen, das unter der Leitung des Chefdirigenten Patrick Lange diese anspruchsvolle Partitur in zügigem Tempo, nuancenreich, klangschön und technisch tadellos umsetzt. Unter den Sängern - die fast ausnahmslos aus dem Ensemble der Komischen Oper kommen - ragt Carsten Sabrowski als ebenso stimmgewaltiger wie darstellerisch überwältigender Kaspar heraus. Ina Kringelborn, die derzeit eine fantastische Rusalka gibt, hat als Agathe stellenweise mit der Intonation und der Höhe zu kämpfen, macht das aber durch eindrucksvolle Bühnenpräsenz, leidenschaftliche Darstellung und atemberaubende Piano-Passagen wett. Vincent Wolfenstein hat das heldische Timbre, das vielen Darstellern des Max fehlt, wirkt aber - möglicherweise der Premieren-Anspannung geschuldet - anfangs angestrengt, erst im 3. Akt kommt seine dunkel gefärbte Tenorstimme wirklich zur Geltung. Julia Giebel, intonationssicher und spielfreudig, präsentiert das Ännchen mit leichtem Ton als freche Göre. Erwähnung verdient nicht zuletzt Christoph Späth, der in der kleinen Partie des Bauern Kilian seine Fähigkeiten als Charaktertenor ausspielen kann. Der Chor der Komischen Oper zeigt wieder einmal, dass er den anderen Berliner Opernhäusern, wo nicht musikalisch-technisch, so zumindest an Spielfreude mindestens ebenbürtig ist.
Am Ende dieses Opernabends stürmischer Applaus für die Musik und eher pflichtschuldige Buh-Rufe für die Regie, die sich mit Beifallsbekundungen die Waage halten. Ist ein Besuch der Aufführungen zu empfehlen? Die Antwort ist ein klares "Jein".
Eva Blaskewitz