Beobachtungen beim wichtigsten Festival für Neue Musik in Polen, dem Warschauer Herbst
(Warschau, im September 2008) Früher wurde im Warschauer Stadtteil Praga in der Konerser Fabrik Wodka gebrannt, heute treten hier Gruppen wie Pink Floyd auf, oder Festivals wie der "Warschauer Herbst" nutzen die besondere Atmosphäre des Fabrikgeländes für ihre Veranstaltungen. Die Aufführung von Karlheinz Stockhausens 1966 entstandener, monumentaler, elektronischer Komposition "Hymnen" - bei der im Mittelteil auch ein Orchester agiert - war eines der zentralen Konzerte des 51. Warschauer Herbstes, ein Event, bei dem auch sehr viel junges Publikum kam. Stockhausens "Hymnen" werden wegen des immensen technischen Aufwandes auch in Deutschland selten aufgeführt, beim Warschauer Herbst war das mehr als zweistündige Opus, obwohl Stockhausen in Polen besonders geschätzt wird, die polnische Erstaufführung. Der Komponist, der am 22. August 2008 seines 80. Geburtstag gefeiert hätte - weshalb ihm beim Warschauer Herbst ein Schwerpunkt gewidmet war -, hatte zugesagt, nach Warschau zu kommen. Doch er verstarb im Dezember 2007.
Stockhausens Vision von der friedlichen Koexistenz der Völker der Welt in seinen "Hymnen" von 1966, in denen eine Unzahl verschiedener Nationalhymnen in zum Teil winzigen Klangfetzen zitiert und verfremdet werden und sich zu einem hoch-polyphonen Klanggemälde fügen, ist mehr denn je aktuell. Auch heute noch, wenngleich weniger als vor rund 40 Jahren, müssen Ost- und West noch zueinander finden. Es war in diesem Zusammenhang von immenser Bedeutung, dass die Aufführung von Stockhausens "Hymnen" als Länder übergreifendes Projekt realisiert wurde vom Warschauer Herbst in Kooperation mit dem "Deutschen Musikrat", dem Festival "Milano Musica" und der Stadt Pforzheim. Die Ausführenden waren der "Europäische Workshop für zeitgenössische Musik", ein Orchester mit jungen Musikern aus Polen, Deutschland und anderen Ländern.
Der zweite Schwerpunkt des diesjährigen Warschauer Herbstes war die ibero-lateinamerikanische Musik. Komponisten und Musiker aus Mexiko, Kuba, Argentinien oder Spanien waren zu Gast. Dabei war dem Programm-Komitee wichtig gewesen, die jüngere Komponisten-Generation vorzustellen. Werke des spanischen "Altmeisters" Cristóbal Halffter (*1930) waren nicht in Warschau vertreten. Stattdessen standen besonders Werke der Spanier Mauricio Sotelo (*1961) und José María Sánchez-Verdú (*1968) im Zentrum. Beide suchen auf ihre Art einen Austausch und eine Verknüpfung alter spanischer Musiktraditionen mit ihrer zeitgenössischen Sprache. Sotelo, der bei Luigi Nono studierte, fand nach einer "traditionslosen", avantgardistischen Phase seines Komponieren zurück zu den musikalischen Wurzeln, die ihn prägten: den Flamenco. In seinem Werk "Si después de morir" (Wenn nach dem Tode) auf den Tod des Dichters José Ángel Valente - das im Eröffnungskonzert des Festivals vom Nationalen Philharmonischen Orchester Warschau ungeheuer präzis und souverän von dem jungen Dirigenten Krzysztof Urbański gegeben wurde -, treffen die Stimme eines Flamenco-Sängers, sowie Klänge von Tonband und Sinfonieorchester aufeinander. Die Tonmaterialien sind verschieden. Clusterartige Flächen dienen als Basis für die archaisch anmutenden Deklamationen des Sängers. Alles fügt sich zu einer intensiven Klage. José María Sánchez-Verdú dagegen arbeitet mit ungeheuer leisen, feinen, manchmal kaum wahrnehmbaren Klängen, die sich nicht leicht erschließen, die rhythmische Konturen oft vermeiden.
Seit der Komponist und Kontrabassist Tadeusz Wielecki 1999 die Leitung des Warschauer Herbstes übernahm, gelang es, die Position des Festivals im polnischen Kulturleben zu festigen, in manchen Bereichen auch neu zu beleben, jüngere Publikumsschichten zu gewinnen, neue Spielorte zu erproben, wie etwa die ehemalige Koneser-Wodka-Fabrik, programmatische Linien zu entwickeln. So gab es etwa 2005 einen Fokus auf asiatischer Musik, im kommenden Jahr wird es die elektronische Musik sein. Langjährige Konstante des Festivals ist natürlich die polnische Musik. In diesem Jahr eröffnete der Warschauer Herbst mit einem Werk des 37jährigen Wojciech Widlak aus Krakau für Orgel: "Wziemiewziecie", was man etwa mit "Höllenfahrt" übersetzen könnte, und das den Opfern des 9. September 2001 gewidmet ist. Die Orgel ist hier mehr Klangfarbe und Teil des Orchesters als Soloinstrument. Im Orgelpunkt klingen amerikanische Volksmusik-Elemente an, im Orchester Alltagsgeräusche wie Straßen- und Motorenlärm, Doch Widlak verschmilzt auch beide Materialien.
Eine weitere Konstante in Warschau ist immer ein Blick zurück in die nunmehr über fünfzigjährige Geschichte des Festivals, in die Geschichte der Avantgarde allgemein, seit 1945. So spielte man Werke von Giacinto Scelso, Stockhausen, Berio, oder von Festival-Mitbegründer Tadeusz Baird.
In Warschau wurde auch mit musikalischen Phänomenen experimentiert. So gab es etwa neben den Konzerten mit klassischer Besetzung ? Sinfonieorchester oder Kammerensemble - ein Nachtkonzert, bei dem das junge Ensemble Kwartludium (Klarinette, Geige, Schlagzeug, Klavier) mit zwei Beatboxern in einen Wettstreit trat. Beim Beatboxing werden mit der Stimme vor allem Perkussionsgeräusche erzeugt, Effekte, die die Musiker des Ensembles auch mit ihren Instrumenten nachahmten. Dabei waren die sieben kurzen Werke, die das Festival für die ungewöhnliche Besetzung in Auftrag gegeben hatte, sehr unterschiedlich, zum Teil klanglich reizvoll, aber nicht immer tiefgehend. Diese musikalische Facette hat dennoch für den Warschauer Herbst eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, denn mit dieser Musik werden auch neue Publikumsschichten gewonnen. In der Sporthalle, in der das Konzert statt fand, waren vor allem sehr junge Besucher, genauso wie bei einem weiterem Stockhausen-Konzert mit seiner elektronischen Komposition "Cosmic Pulses" und Teilen aus dem Musiktheater "Donnerstag aus Licht".
Die stilistische Bandbreite, die der Warschauer Herbst auch in diesem Jahr bot, verdient Respekt. Bei den zahlreichen Uraufführungen, und auch bei manchen Kompositionen aus der ibero-lateinamerikanischen Musikszene gab es jedoch leider kein Werk, das das Prädikat herausragend verdiente. Der Fokus scheint zu stark auf der Darstellung technischer Meisterschaft zu liegen, der virtuosen Anwendung aller zu Verfügung stehenden Mittel, und weniger auf der Balance von Form und Inhalt, von Verstand und Gefühl. Dieses Verhältnis ist bei manchem Altmeister - wie etwa Karlheinz Stockhausen - oft ausgewogener.
Elisabeth Richter