Die Münchner Philharmoniker und der Philharmonische Chor unter James Conlon führen Brittens "War-Requiem" auf
(München, 4. April 2008) Das War Requiem von Benjamin Britten ist weniger eine katholische Totenmesse denn eine flammende Anklage eines glühenden Pazifisten gegen das sinnlose Sterben in allen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Kriegen. Man muss das 1962 in Coventry uraufgeführte anderthalbstündige politische Oratorium, das kühn den lateinischen Requiem-Text mit den englischsprachigen Reflexionen des im ersten Weltkrieg gefallenen Dichters Winfred Owen kontrastiert, live hören - in einer so großartigen Aufführung wie mit den Münchner Philharmonikern, dem Philharmonischen Chor und drei fabelhaften Solisten unter Leitung von James Conlon, dass sich eine derart erschütternd kathartische Wirkung einstellt.
Man muss sehen, nicht nur hören, wie den beiden Männerstimmen ein feines, kleines Kammerorchester zur Seite steht und diese beiden "Soldaten" vom charismatischen Bariton Christian Gerhaher und Tenor John Aller, der frappierend an Peter Pears erinnert, vielschichtig gestaltet werden. Hinter ihnen vergegenwärtigten die eigentliche Requiem-Vertonung das große Symphonieorchester, gemischter Chor und Knabenchor, überstrahlt von der grandios schillernd leuchtenden Sopranistin Tatiana Pavlovskaya. Wie von Britten gewünscht, waren damit die drei Kriegsparteien Russland, Großbritannien und Deutschland vertreten, die für alle sicht- und hörbar ein Requiem der Versöhnung sangen - kulminierend in der sanften Begegnung der beiden Soldaten, die sich gegenseitig getötet hatten, in einem imaginären Zwischenreich, das gleichzeitig das Utopia einer friedvollen Welt darstellen soll.
James Conlon hatte mit einem unglaublich differenziert singenden Philharmonischen Chor und den nicht minder gut disponierten und motivierten Philharmonikern die kollektive Stütze für eine Aufführung, bei der alles stimmte: die bis ins kleinste Detail präzise Arikulation und eine subtile Differenzierung der Dynamik, die jedes Wort, jede Phrase zur Geltung brachte. Aber auch die großen Spannungsbögen, die zarte Innigkeit mancher Teile einerseits oder die mächtige Gewalt etwa des "Dies irae" andererseits gelangen ausgezeichnet. Danach große, ergriffene Stille.
Klaus Kalchschmid