Im Menschenzuchtpark

Eva Johansson als Brünnhilde, Willard White als Wotan Foto: OFS / Ania Gruca

Eröffnung der Salzburger Osterfestspiele mit Wagners "Walküre"

(Salzburg, 15. März 2008) "Der alte Sturm, die alte Müh! Doch stand muss ich hier halten." Die von Wotan in seinen Bart gesungenen Worte kündigen es unheilvoll an: Die Auseinandersetzung mit seiner Frau Fricka wird wohl eher unlustig verlaufen. Er hatte sich vor ihr sogar ins Gebirge geflüchtet, doch jetzt naht sie ihm, holt ihn von seinen Allmachtsfantasien auf den Boden der Tatsachen zurück. Schmerzvoll, aber unausweichlich, so dass Wotan schon sein Ende kommen sieht.
Welch ein Absturz, welche eine Fallhöhe. Noch am Ende des "Rheingolds" - beim Triumphzug nach Walhall - glaubt Wotan die Zügel der Herrschaft in Händen zu halten. Am Ende der "Walküre" schleicht er von der Bühne wie ein getretener Hund. Ein Opfer seiner eigenen Gier nach Macht und Gold - und als solches noch nicht mal bemitleidenswert.
Außer der Projektion einer grandiosen, schneebedeckten Bergkulisse zu Beginn dieser Szene ist die Bühne kahl und leer. Hohe grau-weiße Hände begrenzen die Szene, manchmal sieht man ganz oben noch ein Fenster, wie in einer Gefängniszelle. Wenige Requisiten dienen zu sinnfälligen Andeutungen: Kriegssspielzeug, schwarze und weiße Mäntel, Schwerter und Schilde.

Robert Gambill als Siegmund und Eva-Maria Westbroek als Sieglinde Foto: OFS / Ania Gruca

Auf dieser leer geräumten Spielfläche setzt Regisseur und Bühnenbildner Stéphane Braunschweig seine im "Rheingold" begonnene kammerspielartige Deutung von Wagners Epos fort. Allerdings bleibt die Psychologie der Figuren doch weitgehend auf das handlungsgemäß zu Erwartende beschränkt.
Zu Beginn der Oper wird Wotan als Quasi-Regisseur der Handlung gezeigt. Die Begegnung von Siegmund und Sieglinde findet in einer Art Glashaus statt. Wotan schaut sich das wohlgefällig von außen an: es ist seine Versuchsanordnung, ein Menschenexperiment, ein Menschenzuchtpark.

Willard White ist ein beeindruckend anzuschauender und anzuhörender, mit Würde und Grandezza scheiternder Wotan, mal herrisch aufbrausend, mal zärtlich-zart um Mitgefühl buhlend. Lilli Paasikivi als Fricka begegnet ihm auf Augenhöhe. Sie hat lange genug beide Augen verschlossen und beharrt nun auf ihrem Recht in Familienfragen und "Gedöns" - wie es mal ein anderer Machtpolitiker formuliert hat.
Ungleicher das Wälsungenpaar Siegmund und Sieglinde. Während Eva-Maria Westbroek die Sieglinde mit kraftvoll strahlendem Sopran zu einer faszinierenden, von Leidenschaft und Opferwillen durchglühten Figur gestaltet, bleibt Robert Gambill mit seinem etwas bemühten Tenor um einiges dahinter zurück - auch wenn er die musikalische Rhetorik Wagners präzise umsetzt.
Auch bei Eva Johansson als Brünnhilde und Mikhail Petrenko als Hunding wünschte man sich etwas mehr von der Klangmacht Sieglindes oder Wotans.
Dafür sorgten die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle durchweg für musikalische Glanzlichter. Sie fächern die Wagnersche Partitur nach allen Regeln der Kunst auf, lassen kammermusikalische Feinzeichnung (in der Begegnung von Siegmund und Sieglinde) ebenso hörbar werden wie martialische Herrschaftsgröße. Als kundige Deuterin der Handlung ist die Musik ohnehin kaum von der Szene zu überbieten. Rattle und die Berliner Philharmoniker bleiben dem Wagnerschen Psychologismus in diesem Sinn nichts schuldig.

Robert Jungwirth

Das weitere Programm der Osterfestspiele 2008