Wagners "Walküre", inszeniert von David McVicar, musikalisch geleitet von Marko Letonja in der Opéra du Rhin in Strasbourg
(Strasbourg, 21. April 2008) Das Beste vorweg. Der erste Aufzug dieser "Walküre" war einmal so gesungen und gespielt, dass man den Sängern Wort für Wort folgen konnte. In der Oper den Text zu verstehen, das war, zumindest für den Rezensenten, etwas Neues. Gerade bei Wagner. Wobei: So wie Marko Letonja und das Orchestre philharmonique de Strasbourg das dynamische Relief modellierten, behält die Partitur durchaus ihre Kraft und Logik. Warum nicht immer so? Fein und reaktionsschnell spielend, hatte das Orchester dann den ersten Part, wenn die Sänger schwiegen, Atem holten oder - was bei Wagners syllabischem Stil ja selten genug vorkommt - ein Wort wiederholten, das man dann nicht fünfmal hören muss ("Wälse, Wälse ..."). Die Tempi waren zügig, Letonja wird sich viel Sängerlob eingeholt haben. An Höhepunkten mangelte es dennoch nicht ("Notung, Notung, neidlicher Stahl"). Sieglinde (Orla Boylan) und Siegmund (Simon O'Neill) hatten zudem eine hervorragende Diktion. Was übrigens auch für Hunding gilt, doch dazu später. Das geschwisterlich-traute Paar zeigte ein realistisches Psychogramm. Starker Tobak, die eigene Schwester zu lieben, den eigenen Bruder. Aber, so McVicars fast lakonische Einstellung, so etwas gibt es eben.
Die klar ausgearbeitete Personenzeichnung zeigt uns eine aufkeimende und mit den bekannten Problemen beladene Liebe - und nicht mehr. Die beiden sind uns sympathisch. Hunding, ein hinterwäldlerischer Rüpel? Das war einmal. Der, wie das ganze Ensemble, jugendliche Clive Bayley ist von seiner Erscheinung her ein smarter Managertyp, die Stimme lässt Bosheit hinter perfekter Fassade erahnen. In McVicars Konzept ist er ein kühler Machtmensch, in Samurai-Tracht gekleidet und mit einer handvoll sprungbereiter Krieger als Bodyguards umgeben. Fassade, Masken (egal welcher kulturellen Herkunft) - in McVicars Inszenierung spielen sie eine wesentliche Rolle.
Womit wir beim zweiten Aufzug wären. In dem ort- und geschichtslosen Bühnenbild (Ausstattung: Rae Smith) mit seine metallischen Hintergrund hängen, wie in einem Museum, überdimensionale japanische Theatermasken. Sie sollen die Götterwelt symbolisieren. Folgerichtig versteckt auch Wotan sein verletztes Auge hinter einer silbernen Maske. Er wird sie für die große Erzählung abnehmen, wird sein Inneres zeigen und schließlich, als er Brünhilde im Feuer gebannt hat, sich sogar ganz entblößen. Der Gott ist Mensch geworden, und Mensch kann nur der Maskenlose sein. So weit so gut, allerdings müsste Rollendebütant Jason Howard sich dann ein wenig mehr auf die Figur einlassen.
Hier liegt das Problem des Straßburger "Walküre": Wotan, wie auch Brünnhilde überzeugen nicht. Das ist tragisch, schliesslich werden zwei Drittel der Oper von ihnen bewältigt. Mehr als eben dies scheint aber nicht drin zu sein. Der blasse und in der Tiefe schwächelnde Wotan wird von einer nur-dramatischen Brünnhilde (Jeanne-Michèle
Charbonnet) in die Ecke gedrängt, das Orchester dreht auf - und man hat die übliche angestrengte Situation. Fast, denn Letonja lässt die Zügel nicht schleifen. Das Orchester zeigt sich auch im Lauten prima disponiert in den Streichern und im Holz. Die anfangs ebenfalls überzeugenden Blechbläser lassen gegen Ende in der Konzentration nach. Perfekt Letonjas Kontakt zur Bühne. Höhepunkte nimmt er mit einem milden Ritenuto, generell bleibt er zügig. Das ist kein Kraftprotz-Wagner, sondern einer, der eine Kammerspiel-Situation wie im ersten Aufzug ermöglicht. Der dramatischere zweite Teil bekommt sein stürmisches "Hojotoho!" ab, und auch auf der Bühne ist da einiges los, wenn die Walküren zusammen mit Pferde-Figuren auf elastischen Springbeinen und lebensgroßen Metalldraht-Köpfen wild umhertoben.
Im dritten Aufzug hat man (leider) Zeit, nochmal über das Maskenproblem nachzudenken. Der Feuerfelsen ist nämlich ebenfalls maskenartig: ein liegender Statuenkopf, aufklappbar. Im Inneren dieses Kopfes wird die wilde Ex-Kriegerin zur Ruhe gebettet. Und in
diesem Inneren - so lässt der Regisseur verlauten - spiele sich sein "Ring" ab: ein Seelendrama. Ansätze davon waren in der "Walküre" zu bemerken. Vor allem in der Musik, der McVicar nobel viel Platz einräumt. Das Regieteam wird bei "Siegfried" im nächsten Jahr das gleiche bleiben. Die musikalische Leitung indes übernimmt dann Claus Peter Flor.
Benjamin Herzog