Claus Guth und Christian Schmidt setzen ihren Hamburger "Ring" mit einer spannenden "Walküre" unter der Leitung von Simone Young fort
(Hamburg, 19. Oktober 2008) Wann je hat ein Walkürenritt die Wunschmaiden Wotans zu seiner Heldenbeschaffung für Walhall so ambivalent und überzeugend gezeigt wie Regisseur Claus Guth und Ausstatter Christian Schmidt bei ihrem "Ring" in Hamburg? In übergroßen, wattierten grauen Kleidchen als wären sie eine Mischung aus altgewordenen Mädchen, Kampfmaschine und Insassinnen einer psychiatrischen Anstalt, singen und tanzen sich die acht Töchter, die der Gott einst mit Erda gezeugt hat, in ein Ballett der lustvoll ausgestellten kindlich unbekümmerten, aber um so gefährlicheren Aggression hinein, die choreographisch und musikalisch überwältigte. Wie überhaupt der dritte Akt in einem heruntergekommenen Abbruchhaus, bei dem der erste Stock nur über Leitern erreichbar ist, zum Höhepunkt der "Walküre"-Premiere geriet: mit fantastisch surrealen Lichtwechseln, präziser Personenregie und einer fulminanten Doppelspitze als Wotan. Für den wegen einer Grippe nicht singenden, dafür intensiv spielenden Falk Struckmann sang der junge Bariton Thomas J. Mayer vom Proszenium aus einen großartigen Göttervater zwischen Aufbegehren und Larmoyanz, Vehemenz und Zärtlichkeit.
Auch der erste Akt gelang dank großer Schlichtheit auf der Bühne und in der Regie intensiv. Auf einer riesigen Dia-Leuchtplatte, die wenige Küchenmöbel und eine wie von Geisterhand immer wieder bewegte Wand mit Tür dominierten, war jede Geste von Sieglinde, Siegmund und Hunding wie unter Röntgenstrahlen sichtbar. Während Yvonne Naef allerdings etwas eindimensional blieb, ihren jugendlich-dramatischen Sopran auch nicht immer präzise fokussieren konnte, verkörperte Mikhail Petrenko einen jungen, stets latent aggressiven, stimmgewaltigen Hunding. Stuart Skeltons Siegmund überzeugte mit bestechend schönem, fast belcantistisch geführtem, immer wieder herrlich aufblühenden jungheldischem Tenor und anrührend natürlichem Spiel. Wenn er am Ende Wotan und Brünnhilde als Untoter noch einmal erscheint und über die Galerie schlafwandelt, obgleich im zweiten Akt von Hunding gemordet, dann wird bei Skelton aus dieser stummen, von Guth hinzugefügten Szene ein magischer Moment.
Vergessen war, dass der zweite Akt - anfangs in einem kühlen Architekten-Studio angesiedelt, das Wotan, der mit den Bühnenbild-Modellen des ersten und dritten Akts spielt, als selbstgefälligen, von seiner Frau zur Räson gebrachten Drahtzieher des Ganzen zeigt - szenisch und musikalisch etwas durchhing. Zum einen lag das an Simone Young, die nach einem kammermusikalisch wunderbar weich und durchsichtig musizierten ersten und noch vor dem dichten, prägnanten dritten das im zweiten Akt etwas unkonzentriert und wenig inspiriert spielende Orchester nicht wirklich führen konnte, aber auch an der Wotan-"Spaltung" und einer Fehlbesetzung der Fricka. Der sonst so großartigen Jeanne Piland war die Partie schlicht zu tief und ihr Rollendebüt ließ den Charakter der auf Pflicht und Ordnung beharrenden Göttergattin nur erahnen. Deborah Polaski - schon vor ein paar Wochen für Lisa Gasteen in den Probenprozess eingestiegen - konnte ihre langjährige Erfahrung als Brünnhilde überzeugend einbringen, mag man auch ihren oft ausladenden hochdramatischen Sopran gewöhnungsbedürftig finden.
Insgesamt war diese "Walküre" nicht zuletzt szenisch und dank einiger Sänger sehens- und hörenswert, das massive Buh am Ende hatten Guth/Schmidt mit ihrer klug durchdachten und oft großartig in Bild und Geste verwandelten Arbeit jedenfalls nicht verdient.
Klaus Kalchschmid