Der Dirigent Vladimir Fedoseyev und der Pianist Alexei Volodin zu Gast beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
(München, 26. Juni 2009) Innerhalb kurzer Zeit konnte man in München zwei Werke von den beiden wichtigsten Münchner Konzertorchestern hören, den Philharomikern und den Symponikern des Rundfunks: Ravels Klavierkonzert G-Dur und Prokofjews fünfte Symphonie. Ein seltener Zufall und eine schöne Gelegenheit, unterschiedliche Interpretationen - auf jeweils sehr hohem Niveau - unmittelbar vergleichen zu können.
Bei den Philharmonikern dirigierte der enorm begabte Einspringer James Gaffigan Prokofjews große und bedeutungsschwere fünfte Symphonie (siehe Besprechung auf KlassikInfo.de), bei den BR-Symphonikern war das Werk mit dem altgedienten Russen Vladimir Fedoseyev zu hören. Um es gleich vorweg zu nehmen, die Interpretation von Gaffigan war doch letztlich die beeindruckendere, unmittelbarere, ausdrucksstärkere, empfindungstiefere. Was dann doch erstaunt, bedenkt man den Altersunterschied und die Herkunft der beiden Musiker. Fedoseyev wurde 1932 in Leningrad geboren, studierte am dortigen Tschaikowsky-Konservatorium und leitete dann lange das Radio Symphonieorchester Moskau. Gaffigan wurde 1979 in New York geboren, studierte an der Juilliard School und war Assistent von Franz Welser-Möst beim Cleveland Orchestra, bevor er seine Karriere als Gastdirigent vor allem beim San Francisco Symphony Orchestra startete.
Fedoseyev ließ Prokofjews Anspielungen auf die Schrecken und die Brutalität des Krieges, die im ersten und letzten Satz immer wieder anklingen, zu beiläufig musizieren, ganz so als wolle er sich damit eigentlich gar nicht auseinandersetzen, als sei ihm das zu bedeutungslastig. Umso agiler widmete sich dem spielerisch-heiteren Allegro marcato des zweiten Satzes, in dem er die exzellenten Musiker des BR-Orchesters zu kammermusikalischen und solistischen Glanzleistungen motivierte. Der langsame Satz freilich verfügte über große Tiefe. Vor allem die phantastischen Streicher, die das schmerzlich-sehnsuchtsvolle Hauptthema mit einer solchen Innerlichkeit hervorleuchten ließen, dass man davon geradezu erschüttert wurde, sind hier zu nennen.
Auch die Vielschichtigkeit des letzten Satzes mit seinem beständigen Wechsel zwischen heiter und wolkig, witzig und abgründig war brillant musiziert - wenngleich Fedoseyev hier wieder die letzte Konsequenz scheute bzw. schuldig blieb - schade, denn am Orchester lag es keineswegs.
Überzeugender geriet kurioserweise die absolut straussnahe Konzertouvertüre in E-Dur von Karol Szymanowski. Mit dieser frühen Komposition aus dem Jahr 1904/05 gab der 23Jährige in Warschau seine Talentprobe ab und qualifizierte sich unmittelbar für höhere Aufgaben. Wie genau Szymanowski hier den Ton des großen Vorbilds Richard Strauss trifft, ist bis in thematische, harmonische und instrumentatorische Details hinein verblüffend festzustellen (z.B. die Behandlung des Horns oder die typischen harmonischen Rückungen). Dennoch verfügt das Werk auch über eine unüberhörbare Eigenständigkeit und Originalität in der Erfindung und Bearbeitung des thematischen Materials. Ein leidenschaftliches und durchaus vielschichtiges Werk, das Fedoseyev mit großer Hingabe an den Elan und die orchestrale Vielgestaltigkeit musizieren ließ.
Im ersten Klavierkonzert von Chopin dominierte dann selbstredend der Solist Alexei Volodin, ein 31jähriger Russe, der ein eindrückliches Beispiel dafür ist, dass die russische Schule auch fast 20 Jahren nach dem Ende der Sowjetunion und eine gewisse globalisierte Nivellierung der Stile noch immer ein Markenzeichen ist. Volodin verfügt über eine wunderbar leichte Virtuosität, die es gar nicht nötig hat, sich mit pomp and circumstances in den Vordergrund zu drängeln. Der Russe verblüfft durch eine enorme Spiel- und Klangkultur, ein wunderbares leggiero-Spiel, das die Klarheit und Pointiertheit in den markato-Teilen umso wirkungsvoller hervorbringt.
Vollends zum Jubeln brachte Volodin sein Münchner Publikum dann mit der zugegebenen As-Dur-Polonaise von Chopin, die er mit einer an Horowitz erinnernden Leichtfüßigkeit anging, um sie dann umso grandioser steigern zu können - die Oktavenpassage der linken Hand tendierte im Sachen Tempo Richtung Weltrekord.
Heinrich Grün