Von der Abendsonne beschienen

Anne-Sophie Mutter, die Wiener Philharmoniker und Riccardo Chailly mit Rihm und Bruckner bei den Salzburger Festspielen

(Salzburg, 10. August 2010) Dass Wolfgang Rihms 1992 uraufgeführtes Violinkonzert "Gesungene Zeit" noch keinen Siegeszug durch die Konzertsäle angetreten hat, blieb nach der grandiosen Aufführung im Großen Festspielhaus ein Rätsel. In den letzten 20 Jahren ist für Geige und Orchester nicht vieles von ähnlicher Qualität komponiert worden: Fasslichkeit ohne Anbiederung, Lyrik ohne Pathos, Virtuosität ohne vordergründige Zirzensik - dieses Stück hat alles und hat es bislang doch nur in das Repertoire einer einzigen großen Geigerin geschafft: Anne-Sophie Mutter, die Widmungsträgerin, die es auch an diesem Abend im Rahmen des "Kontinent Rihm" der Salzburger Festspiele interpretierte.

Rihm hat Anne-Sophie Mutter die "Gesungene Zeit" förmlich in die Finger hinein geschrieben: Ihre warme, substanzreiche Höhe und ihr Vermögen, lange Notenwerte mit Leben zu erfüllen, hatte er beim Komponieren im Blick. Immer wieder schickt er die Geige in entlegene, für jede Stimme unerreichbare Höhen hinauf. Das Stück endet mit einem viergestrichenen h! Wo aber die Stimme versagt, da singt die Geige. Ihr Gesang trägt dieses Stück, das klein besetzte Orchester bleibt dabei in der Nebenrolle, nimmt Bälle auf, versucht durch gelegentliche Schlagzeugattacken zu provozieren, kann die Geige aber nie aus ihrer Sanges-Ruhe bringen. Die von Riccardo Chailly mit fordernder Umsicht angeleiteten Wiener Philharmoniker erwiesen sich dabei als perfekte Partner: Ihr berühmter goldener Klang korrespondierte bestens mit Mutters warmem Geigenton. Selbst fahle Töne waren noch von einer sanften Abendsonne beschienen, jede Note lebte, und stand sie noch so verlassen im Raum. Viel Applaus im ausverkauften Festspielhaus. Dank Komponisten wie Wolfgang Rihm und Interpreten wie Anne-Sophie Mutter scheint die zeitgenössische Musik bei den Festspielen endgültig angekommen zu sein.

Ein wenig gelackmeiert war an diesem Abend, wer Rihm nur in Kauf nahm, um anschließend Bruckner zu hören: Bruckners 4. Symphonie, die "Romantische", war keine Offenbarung. Sowohl der Dirigent als auch das Orchester enttäuschten: Chailly schlug allzu schnelle Tempi an, hetzte in wenig mehr als 60 Minuten durch die Partitur. Nun muss man keineswegs Zen-Sitzungen a la Celibidache veranstalten, um Bruckner gerecht zu werden. Aber ein wenig mehr Zeit sollte man dieser Musik schon gönnen, um sich zu entfalten, um ihre Motive in großen Entwicklungsgängen apotheotischen Steigerungen zuzuführen. Nicht umsonst hat Bruckner den Tempobezeichnungen beider Ecksätze die Anweisung "nicht zu schnell" hinzugefügt.

Chailly ignorierte das hartnäckig und erzielte damit nur im Scherzo wirklichen Gewinn: Die Jagdmotivik entwickelte, solchermaßen vorangepeitscht, sogartige rhythmische Energie, das Trio mit seiner pastoralen Stimmung wirkte dazwischen fast unwirklich. Anderswo aber zerfiel so mancher Bogen, ging manches im Getümmel unter. Das freilich lag nicht zuletzt daran, dass die Wiener Philharmoniker mit Chaillys Gangart nicht ganz einverstanden zu sein schienen. In den Streichern fehlte es gelegentlich an der letzten Präzision, und die Bläser wollten nicht immer so, wie Chailly wollte. Fast skurril der Moment im letzten Satz, als Chailly die Soloflöte aus dem Geschehen hervorheben wollte: Man sah den in Richtung der Flöte gereckten Zeigefinger des Dirigenten, aber man hörte keine Flöte. Die Wiener Philharmoniker können kapriziös sein, wenn sie einen Dirigenten nicht wirklich ins Herz geschlossen haben. Chailly hat mit ihnen vor einiger Zeit in Salzburg einen Strauß ausgefochten, weil er darauf bestand, dass das Orchester in allen Aufführungen einer Rossini-Oper die gleichen Musiker an den Pulten haben sollte. Es scheint, als hätten die Philharmoniker ihm das noch nicht völlig verziehen.

Markus Schäfert

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