Rolando Villazóns umjubelter Arienabend in der Münchner Philharmonie und seine neue CD
(München, 14. März 2008) "Eviva Rolando!" - der lautstarke Zwischenruf einer Dame im zweiten Teil von Rolando Villazóns Arienabend in der Philharmonie fasste die Glückseligkeit vieler Hörer(innen) und ihre guten Wünsche für den charismatischsten aller jungen Tenöre wie in einem Brennglas zusammen. Immerhin ein Dreivierteljahr hatte die Zwangspause gedauert, die sich der 35-jährige mexikanische Tenor gönnen musste, um Kraft zu tanken für die stimmliche Physis, wohl aber auch Psyche, die permanent grellem Lampenlicht und hohem Erwartungsdruck ausgesetzt ist.
Doch gleich mit der ersten Arie, der titelgebenden seines neuen Albums "Cielo e Mar" (Deutsche Grammophon), verblüffte er das Publikum: Wärmer, weicher, dunkler, auch ein bisschen zurückhaltender als auf der CD klingt dieses "Cielo e Mar" und die Erleichterung ist groß: Er ist wieder da, gesünder und nicht mehr ganz so risikoreich singend wie vor seiner Pause, als das Album - im März 2007 - entstanden ist. Auch alle anderen des Programms waren - mit einer Ausnahme, dem "Questa o quella" des Herzogs aus Verdis "Rigoletto" - der CD entnommen, Arien etwa aus "Luisa Miller", "Fosca" von Antonio Carlos Gomes oder Amilcare Ponchiellis "Il figliuol prodigo".
Der positive Eindruck des Beginns wiederholt sich bei den beiden Arien aus "Adriana Lecouvreur", obwohl Villazón natürlich immer noch Villazón ist und die Gänsehaut, die er, wie er glaubhaft versichert, selber beim Singen der Arien empfindet, weitergeben möchte und daher immer ein wenig zu expressiv, mit etwas zu viel Nachdruck singt. Dabei hat er ein so schönes Timbre, eine so tragende, ausdrucksvolle, unverwechselbare Stimme, dass er sie ruhig öfter in die mezza voce zurücknehmen, ruhiger ausschwingen und einfach strömen lassen, mehr auf Linie singen könnte, ohne dass das eine Einbuße an Expression bedeuten würde.
In diesem Sinne am besten gelangen Szene und Arie des Gabriele aus Giuseppe Verdis "Simone Boccanegra" - erschütterndes Abbild eines Mannes, der aus Verzweiflung zu allem entschlossen ist. Villazón sang mit vielen Nuancen und einem wahrhaft zu Herzen gehenden Ausdruck. Bei einem wie ihm kommt denn auch eine Geste, wie das mehrmalige Klopfen auf die linke Brust mit anschließender Geste ins Publikum ganz von innen, entspringt keiner Show. Einem wie ihm - der einst als Clown für Kinder arbeitete - nimmt man auch ab, wenn er mit einem kleinen Teddy, dem ihm eine Verehrerin am Ende überreicht, auf der Bühne zu tanzen beginnt.
Den ganzen Abend über hatte Villazón allzu hoch liegende Arien und Spitzentöne vermieden und das beherzigte er auch bei den Zugaben: dem unverwüstlichen "O sole mio" und "Granada" - mit unvergleichlich jungenhaftem Charme und bestechender Grandezza gesungen! Das fehlt natürlich alles auf der Konserve, auch das entwaffnende und so entzückende Spiel mit dem Publikum. Aber dafür gibt es da über das Live-Programm hinausgehend wunderbare Preziosen aus Saverio Mercadantes "Il Giuramente" oder Arrigo Boitos "Mefistofele", Gaetano Donizettis "Poliuto" oder Giuseppe Pietris "Maristella" zu hören.
Auf CD begleitet das Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi unter Daniele Callegari, aber auch die Prager Symphoniker unter Marco Zambelli machten live ihre Sache sehr gut und steuerten noch Exquisites von Cherubini (Ouvertüre zu "Anacreon"), Mascagni ("Guglielmo Ratcliff"), Puccini (Intermezzo aus "Suor Angelica") und Leoncavallo ("Pagliacci") bei.
Klaus Kalchschmid
Am 24. März singt Rolandó Villazon in der Kölner Philharmonie.