CD Victor Hugo en musique harmonia mundi HMC 901997
Wie ein wild zerklüfteter Monolith steht Victor Hugos Oeuvre in der französischen Literaturlandschaft. Dass seine sprachgewaltigen Werke die Komponisten als Vorlagen für Opernlibretti ebenso fasziniert haben wie als Liedtexte, verwundert nicht. Dass sie sich der einfachen Vertonung verweigern, ebenso wenig. "Seine prophetische Dichtung besteht in Stürmen und Katastrophen", schreibt der renommierte Musikpublizist Christophe Ghristi im Beiheft der CD, "sie spielt auf der großen Orgel der Natur und bringt sie mit vollem Werk brausend zum Klingen (...) keine Charakterisierungen oder Genrebilder, sondern die gewaltig hereinbrechende Flutwelle, apokalyptische Landschaften, gequälte, verzerrte Gesichter."
Keine leichte Materie für einen Komponisten - und doch ist es einigen, vornehmlich aus den Reihen von Hugos französischen Landsleuten, gelungen, eine adäquate Musiksprache zu finden. Acht dieser Komponisten sind auf der CD "Victor Hugo en musique" vertreten, und sie fächern ein breites musikalisches Panorama der geistigen Welt des Dichters auf: von virtuos-dramatischen Balladen, wie sie Liszt und sein Pianisten-Komponisten-Kollege Louis Lacombe geschrieben haben, über romantisch-glutvolle Vertonungen aus der Feder Camille Saint-Saëns' bis zu zärtlich-intimen Farbspielereien Gabriel Faurés.
Kurioserweise sind es zwei aus Deutschland stammende junge Interpreten, die für diesen durch und durch französischen musikalischen Mikrokosmos den perfekten Ausdruck finden: Konstantin Wolff, Jahrgang 1978, mit ausgesprochen virilem und doch warm timbriertem Bariton, stellenweise ein bisschen flach in der Höhe, dafür samtig schwarz in der Tiefe; und Trung Sam, der mit 28 Jahren bereits ein gefragter Liedbegleiter ist, mit klaren und doch schmiegsamen Linien und dem erforderlichen pianistischen Selbstbewusstsein.
Hört man die CD am Stück, so entfaltet sich ein facettenreiches musikalisches Seelengemälde, das ständig neue Entdeckungen zu bieten hat.
Eva Blaskewitz