An den Wassern zu singen

Valery Gergiev vor dem Rotterdam Philharmonisch Orkest Foto: Festival

In den drei Auftaktkonzerten des Rotterdam Philharmonisch Orkest Gergiev Festival stand Valery Gergiev am Dirigentenpult und bewies einmal mehr, warum er als Dirigent Weltruhm genießt, das Rotterdam Philharmonisch Orkest zu den holländischen Spitzenorchester gezählt werden muss, die auch international eine Rolle spielen und warum das orchestereigene Festival immer nach ihm benannt ist.

(Rotterdam 7.-9. September 2012) Valery Gergiev hat das Rotterdam Philharmonisch Orkest Gergiev Festival zu Beginn seiner Chefdirigentenzeit in Rotterdam 1995 gegründet. Vor vier Jahren hat er den Chefposten abgegeben. Aber künstlerischer Leiter des Festivals ist er geblieben. Und als Namenspatron mit Renommee ist er wichtiger, denn: Der brachiale Kulturkahlschlag der letzten Minderheitenregierung hat Hollands Orchesterszene erschüttert. Drei Orchester sind aufgelöst worden. Der Rundfunkchor musste drastisch Stellen abbauen. Das Hilversumer Rundfunkarchiv mitsamt Bibliothek gibt es nicht mehr! Auch die Rotterdamer mussten Kürzungen hinnehmen. Aber beim besten russischen Orchester außerhalb Russland muss man vorsichtig sein!

Im Auftaktkonzert serviert Gergiev mit seinen Rotterdamern auch Russisches vom Feinsten: In Sergej Rachmaninoffs Tondichtung "Die Toteninsel" flackern mystische Klangfarben auf. Die Musik scheint nicht nur die Fahrt der aufrechten weißen Gestalt vor einem Sarg in der Barke hin zu einer Zypressen bewachsenen Felseninsel auf dem gleichnamigen Bild von Arnold Böcklin nachzuempfinden. Sie dringt in das Seelenerleben der weißen Gestalt vor. Die Euphorie schöner Erlebnisse wird evoziert, die unmittelbar unter der dunklen Gegenwärtigkeit wieder zusammenbricht. Immer wieder dunkle Blechfanfaren und am Schluss "Dies irae"-Anklänge in den tiefen Streichern. Das Rotterdam Philharmonisch Orkest reagiert in diesem Stimmungsabenteuer auf jeden noch so kleinen Fingerzeig Gergievs. Gergievs Finger flattern unentwegt, formen den Klang und erzeugen Klangspektren bis in die extremsten Dynamikbereiche. Den Taktstock lässt er am liebsten beiseite - eh nur eine abgebrochene Hälfte, die von weitem wie ein Zahnstocher aussieht. Wenn die Streicher aufdrehen, dann füllt sich der moderne, in den 1960ern gebaute Konzertsaal mit einer stupenden Wärme, die Wucht aber auch fein zeichnet. Frappierend, wie Gergiev die Energien der Musiker aber auch die des Publikums von der ersten Minute an auf sich fokussiert.

In Sergej Prokofieffs Fünfter Sinfonie zeigt er, dass er auch über einen sarkastisch-zynischen Tonfall gebietet, der harmlose Melodien mit beißenden Rhythmen durchzieht. Für das vierte Klavierkonzert von Rodion Schtschedrins greift Olli Mustonen virtuos in die Tasten. Gergiev hat einen Interpreten erster Klasse mitgebracht. Dem Finnen Mustonen hat Schtschedrin sein fünftes Klavierkonzert gewidmet. Jedes dieser Konzerte ist in einem anderen Stil geschrieben. Den an Keith Jarretts Improvisationen erinnernden Klavierpart des Vierten behauptet Mustonen spielerisch versunken gegen stehende und die Kommunikation verweigernde Orchesterklänge, die sich schlussendlich in Glockengebimmel und Osterhymnen der orthodoxen Kirchentradition überschlagen. Der im Dezember sein 80. Lebensjahr vollendende russische Komponist war eigens angereist und nahm die standing ovations freudig entgegen.

Im zweiten Konzert tags darauf präsentierte Gergiev einen jungen armenischen Cellisten, der Henri Dutilleux' Cellokonzert "Tout un monde lontains" hinreißend in allen Nuancen leuchten ließ. Das von Charles Baudelairs "Blumen des Bösen" inspirierte Werk vermittelt eine einsame, jenseitig verstiegene Welt, die das Rotterdamer Orchester mit sensibel gestalteten Orchesterfarben begleitet. Narek Akhnazaryan, Gewinner des Tschaikowsky-Wettbewerbs 2011, habe das Stück auf seine Bitten hin einstudiert und erstmals hier öffentlich gespielt, so Gergiev. Eine großartige Leistung und natürlich eine große Chance für einen jungen Cellisten, der sich jetzt wohl anschicken wird, die internationalen Podien im Westen zu erobern. Den jungen Interpreten eine Chance zu geben, das ist für Gergiev immer schon wichtig gewesen. Er selbst war, als er vor 24 Jahren erstmals vor den Rotterdamer Philharmonikern stand, im Westen noch ein völlig Unbekannter. Vor den Rotterdamern hat Gergiev seine internationale Karriere gestartet. Und es ist vielleicht der Magie des Wassers geschuldet, dass Gergiev in etwa zeitgleich mit der Übernahme der künstlerischen Leitung des Mariinsky Theaters im Wasser umspülten Sankt Petersburg auch in Hollands größter Hafenstadt landet. Sieben Jahre später wird er in Rotterdam Chefdirigent. Und eine seiner ersten Maßnahmen in dieser Position ist die Festivalsgründung gewesen. Ein Podium auch für den internationalen Austausch. Und nicht zuletzt ist der Aufstieg vom Mariinsky zum Staatstheater und Russlands erster Kulturinstitution dem internationalen Ruf zu verdanken, für den Gergiev gesorgt hat.

An diesem Sonntag fliegen die Sankt Petersburger erst kurz vor ihrem Auftritt ein. Eine Zitterpartie für die Festivalsorganisatoren, da das Flugzeug Verspätung hat. Aber mit dem ersten Orchesterschlag und dem Meeresorkan, der Otellos Schiff zu versenken droht, macht die konzertante Opernaufführung alles vergessen, auch, dass es keine Szene gibt. Chor und Orchester stürmen voraus. Aber nicht nur der Furor in Giuseppe Verdis Partitur lässt das Publikum erschauern. Das Orchester und die Gesangssolisten sorgen für berückend leise Töne. Wenngleich die Akustik in der De Doelen Konzerthalle für Sänger allenfalls suboptimal ist, wütet Aleksanders Antonenko Otello mit brustgestützter Stentorstimme im ganzen Saal, aber bringt auch den durch eine Intrige zum Mörder an seiner Frau gewordenen venezianischen General nahe, der in bruchlos angesteuerten Kopftönen verzweifelt. Selten hat man eine Desdemona rührender das Lied von der Weide singen hören.

Das Publikum in De Doelen ist zum Schluss aus dem Häuschen. Überhaupt sind die Holländer in ihren Konzerten viel emphatischer als die Deutschen. Den Applaus und die Zustimmung brauchen die Orchester in Holland auch mehr denn je. Die durchgepeitschten Sparbeschlüsse im ohnehin noch nie üppig gewesenen staatlichen Kulturbudget sind um ein Viertel gekürzt worden. Vor allem holländische Orchester sind massiv unter Druck geraten. Vier Orchester sind aufgelöst worden. Und auch die von den Deutschen immer so bewunderte kreative Kleinkunstszene, Tanz-, Theater- und freie Ensembles sind in ihrer Existenz bedroht. Ein Aufschrei ging schon durch Holland. Auch wenn die Kulturleuchtürme wie das Concertgebouw Orkest oder das Rotterdam Philharmonisch Orkest nicht in ihrer Existenz bedroht sind, auch sie sollen bluten. In dem zum Teil mit hässlichen Parolen seitens der verantwortlichen Politikern begleiteten Kahlschlag - Orchester wurden als "Tröten-Clubs" diffamiert oder "Orchester seien ein Hobby für Linke!" - ist nicht klar, wie die Kürzungen für 2013 ausfallen werden. Der "Kulturstaatsminister" Halbe Zijlstra hat den Rotterdamern für den 18. September die Offenbarung angekündigt. Gerade eben wird ein neues Parlament gewählt. Möglich, dass die, die diese Maßnahmen zu verantworten haben, dann nicht mehr an der Macht sind. Ob und wie der Kahlschlag, der ja auch Musikhochschulen, Bibliotheken und wissenschaftliche Institutionen betrifft rückgängig gemacht, oder zumindest gemildert werden kann, wird sich dann zeigen. Das Gergiev Festival - auch wenn die Subventionen noch in den Sternen stehen - wird das sicherlich überleben. Denn zahlkräftige Sponsoren hat das Orchester schon vorsorglich um sich geschart.

Sabine Weber


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