Uraufführung der Kammeroper "Undankbare Biester" bei den Münchner Opernfestspielen
(München, 19. Juli 2011) Eine Versuchungsanordnung, eine Therapiesitzung oder nur Spiel? Was da unter dem Titel "Undankbare Biester" in 70 konzentrierten Minuten auf leerer Bühne in Alltagskleidung im Pavillon 21 MINI Space Opera auf dem Marstallplatz verhandelt wird, ist ein Musik-Theater für sieben Musiker, vier erwachsene und fünf jugendliche Sänger/Schauspieler der ungarischen Theatertruppe Krétakör zum Thema Missbrauch. Es geht tief unter die Haut, zumal am Ende, wenn die Handlung von immer mehr Pausen durchlöchert ist, dieser Hohlraum aus quälender Stille aufgefüllt wird mit tosendem Lärm. Er entsteht, weil Regenmassen vom Wind auf dem Blechdach des Pavillons hin und hergefegt werden, als wär's ein Ozean.
Während der erste, gerade in Prag uraufgeführte filmische Teil der Trilogie "Crisis" aus der Sicht des 18-jährigen Sohns der Familie erzählt wurde, steht in der Oper der 45-jährige Vater, der Psychologe Dr. Gyula Gát im Mittelpunkt. Er sieht sich Ádám, einem siebenfachen Kindermörder gegenüber, der versichert, die fünf Mädchen und zwei Jungen nur getötet zu haben, um sie vom brutalen Missbrauch in der Familie zu erlösen. Diese Kinder treten auf, realiter, 10, 12, 14 und 18 Jahre alt - mit unterschiedlich großen Triangeln, die vielfache Assoziationen erlauben. Sie können klingen wie ein Windspiel, aber auch aggressiv und Angst übertönend. In der großen, zentralen zehnten Szene spielen und singen die Kinder - vertont als eine große, angerauhte, karge Bach-Passionen-Paraphrase - das Leid von Gabriella nach und schlüpfen dafür in die Rollen der Mutter, einer Frau vom Amt für Adoption, in die des Bürgermeisters.
Gyuala Gát (István Kovács) versagt nicht nur als Psychologe, der den Missbrauch an den Kindern nicht bemerkte, sondern auch als Vater und Ehemann, der seine Frau in die Klinik abschiebt und ihr den Kontakt zum Sohn verweigert. Am Ende tauschen Therapeut und Täter die Plätze und Ádám (Zoltán Megyesi) spricht als Mann zur Ehefrau und Mutter (Annamária Kovács), die barfuß im Hemd die Zuschauertribüne herabkommt. Der Sohn Balázs (László) freilich schiebt den Flügel wütend durch den ganzen Raum, präpariert ihn und spielt wenige versprengte Töne auf ihm: nackter, gruseliger und ambivalenter könnte diese so karge wie intensive Kammeroper nicht enden.
Das Ganze wirkt so authetisch und fast dokumentarisch, weil Dargay, seit einem Jahr musikalischer Leiter von Krétakör, präzise zwischen Sprechen und Singen wechseln lässt, avanciertes Singen und Kinderlied, Streichertremolo und konzis gearbeitete Kammermusik sich abwechseln oder ineinander übergehen. Der Komponist sitzt selbst am Flügel, manchmal dirigiert er, manchmal auch der Primgeiger des Accord (Streich-)Quartetts, zu dem Keve Ablonczy (Saxophon, Bassklarinette) und Bálint Bolcsó an der Liveelektonik hinzukommen - manchmal sogar Ádám, der Täter. Auch Regisseur Márton Gulyás, der das Stück mit Árpád Schilling, dem künstlerischen Leiter und dem Dichter Gábor Schein entwickelt hat, verkünstelt sich in keinem Moment und macht dem Brechtschen Namen der Truppe - Krétakör heißt Kreidekreis - alle Ehre.
Klaus Kalchschmid
Weitere Vorstellungen: 20., 22. und 23. Juli 2011 (jeweils 20 Uhr), Pavillon 21 auf dem Marstallplatz www.staatsoper.de Im Herbst folgt in Budapest Teil 3, die Perspektive der Mutter - als experimentelle Performance. Vom 23. bis 30. Oktober 2011 werden alle drei Teile in der ungarischen Hauptstadt zusammen aufgeführt.