Machos auf Kunstrasen

Foto: Tato Baeza / Palau de les Arts Reina Sofía

An der Oper Valencia wurde jetzt die einstmals bejubelte, heute jedoch vergessene Oper "Una cosa rara" von Vicente Martin y Soler nach einem Libretto von Lorenzo da Ponte neu inszeniert

(Valencia, 7. Februar 2010) Viele kennen seinen Namen nicht. Und selbst leidenschaftliche Musikfreunde haben vielleicht nur eine oder maximal zwei Opern von ihm gesehen. Dabei war Vicente Martin y Soler (1754 bis 1806) einer der angesehensten spanischen Komponisten seiner Zeit. Soler und seine Musik waren in ihrer Epoche so sehr in aller Munde, dass selbst Wolfgang Amadeus Mozart eine Melodie aus dem Finale des ersten Akts von "Una cosa rara" in der Tafelszene des zweiten Akts von "Don Giovanni" zitiert.
 
Während seiner Lebenszeit wurde Soler der "Mozart von Valencia" genannt, in Anspielung auf seine Geburtsstadt. Dass er in Europa ein Star wurde, lag nicht zuletzt daran, dass er in Neapel, der damaligen Hauptstadt der Musik, studierte und zu Ruhm gelangte. Seine Opern kamen in ganz Europa, zwischen Madrid und Sankt Petersburg, immer wieder auf die Bühne. In der russischen Hauptstadt beendete er seine glänzende Karriere als Hofkomponist. Zarin Katharina die Große hatte ihn 1788 persönlich darum gebeten, diese Stellung anzunehmen.
 
1786 kam Solers Oper "Una cosa rara ossia belezza ed onestà", "Eine seltene Sache oder Schönheit und Ehrbarkeit" am Wiener Burgtheater auf die Bühne. Die Aufführung wurde zu einem großen Erfolg für den Komponisten. Das Libretto stammte von Lorenzo Da Ponte.
Königin Isabella trifft auf der Jagd die geflohene Landschönheit Lilla. Lillas Bruder Tita hat sie an den Bürgermeister verschachert, damit er selbst die Schwester des Bürgermeisters heiraten kann. Lilla liebt aber den Naturburschen Lubino. Gerührt nimmt die überaufgeklärte Regentin die Entflohene auf, mit dem Ergebnis, dass sich nun ihr Sohn Giovanni und der alte Diener Corrado in Lilla verlieben. Nach kurz abgehandelten Verwicklungen ist aber alles wieder gut. Die Königin stiftet ein Happy End, bei dem sich Lubino und Lilla, und auch Tita und die Bürgermeisterschwester Ghita umarmen. Doch da sind y Soler und sein berühmter Textdichter Lorenzo da Ponte erst bei der Hälfte. Im zweiten Teil, Ehejahre später, werden die Paare überprüft, das Geschehen noch einmal aufgerollt und schließlich bekommen die höfischen Verführer ihre gerechte Strafe. Allerdings nicht bevor den Ehemachos Tita und Lubino eine Lektion erteilt wird, wie "Schönheit und Ehrenhaftigkeit" (so der Untertitel der Oper) zusammengehen können.
 
Unter der musikalischen Leitung von Ottavio Dantone, einem der besten italienischen Kenner der Musik des 18. Jahrhunderts, wurde "Una cosa rara" jetzt in Valencia aufgeführt, am Palau de les Arts, dem futuristischen Opernhaus des spanischen Architekten Santiago Calatrava. Die Bühne des kleines Hauses wird für diese neue Produktion von den Bühnenbildnern Rifail Ajdarpasic und Ariana Isabell Unfried in eine Art exotische Märklinlandschaft verwandelt: mit knallgrünem Kunstasen, mit originalgroßen Plastikpalmen und anderen exotischen Pflanzen.
Die eigentliche Aktionsfläche der Sänger, des Chores und der Baletttänzer liegt auf einem Hügel, von dem aus rutschige Rasenwege zum Orchestergraben hinab führen. Die Darsteller laufen hoch und runter und dann und wann öffnet sich das Bühnenbild und ein fast nackter Raum mit Videobildschirmen wird sichtbar.
 
Regisseur Francisco Negrin läßt einen Teil der Protagonisten - die verliebten Paare -  als Teilnehmer einer Art "Big Brother"-Sendung auftreten, die von anderen Personen rund um die Uhr und mit Hilfe von Ferngläsern, auch ferngesteuerten, beobachtet werden. Die Paare agieren in der Kunstrasenlandschaft und dann und wann erscheint Isabella, die Königin von Spanien, aus dem Hintergrund oder dem Raum mit den Videobildschirmen und versucht die Dinge zu richten.
Eine ungemein witzige, lebendige und überzeugende Inszenierung. Dantones musikalische Leitung, er dirigiert Mitglieder des Orquestra de la Comunitat Valenciana, ist spritzig und erinnert immer wieder an Solers großes Vorbild Mozart.
Die Besetzung, fast alles Schüler des Perfektionskurses für Gesang, den Placido Domingo am Palau leitet, überzeugen nicht immer, doch sie sind mit soviel Freude und Engagement bei der Sache, dass stimmliche Schwächen leicht zu überhören sind.
 
Eine gelungene Produktion, die von Intendantin Helga Schmidt auch auf Reisen geschickt wird: nach Los Angeles und Sankt Petersburg. Die energische Theatermacherin plant die Aufführung der wichtigsten Opern Solers in ihrem Haus. Ein ehrgeiziges Projekt. Vor zwei Jahren brachte sie "L'arbore di Diana" von 1787, ebenfalls mit einem Libretto von Da Ponte, in einer unvergesslichen Inszenierung auf die Bühne. "Una cosa rara" wird in einigen Monaten auch als DVD vorliegen.
Thomas Migge
 
"Una cosa rara"
Von Vicente Martin y Soler
Palau de les Arts, Valencia, 7. bis 21. Februar 2010

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