Mystik und Tüftelei

Eindrücke vom Neue-Musik-Festival "Ultraschall" in Berlin

 (Berlin, 18. bis 27. Januar 2008) Ein einziger Ton bildet die Keimzelle von Giacinto Scelsis "Quattro pezzi su una nota sola", ein Ton, der rhythmisiert, in unterschiedlichen Intensitäten und dynamischen Abstufungen gespielt, mit Vierteltönen umsponnen und unablässig in neue Klangfarben getaucht wird, ein Ton, der wie ein Organismus atmet und sich in den Raum hinein ausbreitet. 1959, im Jahr der Uraufführung, war das eine Sensation, und noch heute geht von diesem, Scelsis berühmtestem, Werk eine starke suggestive Kraft aus, wie beim Eröffnungskonzert des diesjährigen Ultraschall-Festivals mit dem exzellent aufgelegten Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Lucas Vis zu erleben war.

Scelsi, diesem geheimnisumwitterten, rätselhaften Komponisten, dessen Todestag sich im August zum 20. Mal jährt, widmete Ultraschall in diesem Jahr einen Schwerpunkt (die Salzburger Festspiele taten dies im vergangenen Sommer). Eine kleine Ausstellung und ein Symposium warfen aus unterschiedlichen Winkeln Schlaglichter auf den aristokratischen Sonderling, der sich mit Theosophie, Yoga und fernöstlicher Philosophie beschäftigte, sich so gut wie nicht fotografieren ließ, mit abstrusen Behauptungen zu seiner Biografie Verwirrung stiftete, außereuropäische Kompositionstechniken verwendete, seine Werke in Form von Improvisationen auf Tonbänder bannte und von "Transkriptoren" in Noten fassen ließ. Abgesehen von diesen Einblicken in eine der außergewöhnlichsten Musikerbiografien des 20. Jahrhunderts präsentierte Ultraschall natürlich vor allem jede Menge Musik. Konzerte mit Orchester- oder Klavierwerken und eine "lange Nacht", in der verschiedenste Kammermusik auf dem Programm stand, ließen das Spektrum von Scelsis Komponierens erahnen, zwischen dem motorischen getriebenen Frühwerk "Rotativa" für zwei Klaviere und den unterschiedlichen Varianten von Kompositionen über einen einzigen Ton.

Was aber hat Scelsi den Komponisten heute zu sagen, fragten sich die Veranstalter und spannen Fäden in die Gegenwart: mit Auftragswerken an drei Komponisten, die der Bedeutung Scelsis für die heutige Musik nachspürten und unterschiedliche Anknüpfungspunkte in ihren eigenen Kompositionen fanden: der Kontrabassist Stefano Scodanibbio verwendete spezielle Spieltechniken für Streicher, die Scelsi entwickelt und auch ihm vermittelt hatte; sein italienischer Landsmann Riccardo Nova akzentuierte das gemeinsame Interesse für Hinduismus und indische Musik; und der Franzose Jean-Luc Hervé bezog sich in seinem sehr eigenwillig besetzten Stück "panam II" auf Scelsis Elektro-Orgel " - unterschiedliche Facetten eines reichhaltigen Oeuvres also.

Obwohl einige Uraufführungen auf dem Programm standen, versteht sich Ultraschall dezidiert nicht als Uraufführungs-Festival, vielmehr will man interessanten Werken der Nachkriegsavantgarde eine zweite Chance geben und sie in einen neuen Kontext stellen, oftmals in einer Reihe mit Klassikern der Moderne. Und das Konzept geht auf, die meisten Konzerte sind gut besucht, viele sogar ausverkauft, auch im weiträumigen "Radialsystem V", dem neuen szenigen Veranstaltungsort in der Nähe des Ostbahnhofs, in dem Sasha Waltz und die Akademie für Alte Musik ihre Domizile gefunden haben und der erst im vergangenen Jahr zu den Spielstätten des Festivals hinzugekommen ist - neben den Sophiensælen, jenem geschichtsträchtigen Festsaal in Mitte mit seinem morbiden Charme, und dem Haus des Rundfunks, in dem der rbb seinen Sitz hat.

Die Veranstaltungsorte tragen ihren Teil zum Reiz des Festivals bei, vor allem aber lockt Ultraschall mit wohlklingenden Interpretennamen. Zu den Höhepunkten in diesem Jahr zählte neben dem Arditti-Quartett, das bereits zum zweiten Mal zu Gast war, und den Neuen Vocalsolisten auch die Geigerin Carolin Widmann. Sie bot einen Duo-Abend mit ihrem Klavierpartner Simon Lepper und vier wahren Monolithen der modernen Violinliteratur: der fest in den 20er Jahren verwurzelten, aber erst 1950 entstandenen Sonate von Bernd Alois Zimmermann, der Fantasie von Arnold Schönberg, Morton Feldmans zerfließendem "Spring of Chosroes" und der kontrastreichen, die technischen Grenzen der Violine schier sprengenden Komposition "Dikhtas" von Iannis Xenakis. Carolin Widmann, Schwester des Klarinettisten und Komponisten Jörg Widmann und engagierte Interpretin für zeitgenössische Musik, rückte diesem äußerst anspruchsvollen Programm unerschrocken und mit gewohnt zuverlässiger Spieltechnik zuleibe; ebenso drei Tage später dem Violinkonzert "Dox-Orkh" von Xenakis, das sie zusammen mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter den Leitung von Brad Lubman in deutscher Erstaufführung präsentierte: ein wuchtig-massives Werk, das hart rhythmisierte Cluster des Orchesters den weichen Glissandi der Geige entgegensetzt. Wenn dieses 1991 von Irving Arditti uraufgeführte Werk bisher keinen Platz auf deutschen Konzertpodien gefunden hat, so ist das sicher nicht mangelnder Faszinationskraft anzulasten, sondern eher den exorbitanten Schwierigkeiten der Partitur.

Das letzte Wochenende von Ultraschall stand dann im Zeichen eines weiteren Klassikers der Moderne: Karlheinz Stockhausen, der in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden wäre, hätte ihn nicht vor wenigen Wochen unerwartet der Tod ereilt. Und auf den zweiten Blick schließt sich damit ein dramaturgischer Kreis. Denn so unterschiedlich der intuitiv und improvisatorisch arbeitende Scelsi und der akribisch kalkulierende Klangtüftler Stockhausen auch scheinen, es verbindet sie doch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten: das Interesse an Mystik und Spiritualität; ein unbedingtes Festhalten an den eigenen Überzeugungen unabhängig von den Strömungen der Zeit; und nicht zuletzt die Tatsache, dass beide beinah in Guru-Manier den Mittelpunkt eines Kreises von Schülern, Freunden und Interpreten bildeten. Wie unterschiedlich sich diese Ähnlichkeiten allerdings musikalisch äußern können, dafür stand programmatisch das Abschlusskonzert des Festivals, mit Stockhausens letzter großer Komposition "Cosmic Pulses" für Elektronik. Eine halbe Stunde lang Dröhnen, Brausen, Tönen, Klirren von 24 übereinander gelagerten Klangschichten aus im Raum verteilten Lautsprechern, hörend nicht zu erfassen - ein größerer Gegensatz zu Scelsis reduzierten "Quattro pezzi su una nota sola" scheint kaum denkbar.

Eva Blaskewitz