Musikalische Übermalungen

Wolfgang Rihm Foto: Universal Edition / Eric Marinitsch

Das ausufernde Orchester- und Perkussionsstück "Tutuguri" leitete den Konzertzyklus "Kontinent Rihm" bei den Salzburger Festspielen ein.

(Salzburg, 29. Juli 2010) Schon die erste Begegnung mit Texten des Theatererneuerers und Dichters Antonin Artaud bewirkte bei  Wolfgang Rihm eine musikalische Initialzündung. In einer Werknotiz schrieb er: "Musikstrom, Musik-Sturz (...) Vorstellung eines dunklen und grellen Kultus. Suche nach reflexhafter Musik, nach einem Klang-Körper, dessen Zuckung und Umformung Melos, Rhythmus und Farbe wird."
Das hört sich nach reichlich Archaik an, und so klingt auch das daraus entstandene Werk mit dem Titel "Tutuguri - Poème dansé".
Eruptive Klanggestalten in Gruppen aus Blechbläsern und Perkussion wechseln sich ab mit gezackten grellen Motiven in Streichern und Holzbläsern. Dazwischen immer wieder Gesangsstimmen vom Band, die kultische Frühzeit-Atmosphäre mit früher Mehrstimmigkeit verbinden.

Wolfgang Rihm hat nicht erst in seiner gerade uraufgeführten Oper "Dionysos", sondern auch schon in "Tutuguri" von 1982 (der Name bezieht sich auf das "Tutuguri - der Ritus der schwarzen Sonne" von Artaud) eine musikalische Dionysos-Feier inszeniert. Auch wenn nicht explizit von dem Gott die Rede ist, so kann man diese Musik mit ihrer urtümlichen Archaik doch in einer imaginären Verbindung mit dem Dionysos-Kult des alten Griechenlands sehen. Oder auch mit heidnischen Kulten, wie sie Strawinksy in seinem Sacre musikalisch beschworen hat.
In den rhythmisch aufgepeitschten Passagen wird man in "Tutuguri" gelegentlich an Strawinskys berühmtes Ballett erinnert.

Wie der "Sacre" ist "Tutuguri" ein Ballett, wobei es keine Handlung, keine handelnden Personen gibt. Die Interpreten sollen die größtmögliche Freiheit erhalten, so die Idee Rihms. Diese Offenheit und Ungestaltetheit ist Teil eines auf Ursprünglichkeit und spontane Kreativitätsausbrüche angelegten Werks. Einiges in Rihms Komposition wirkt denn auch eher improvisatorisch, mäandernd, unbestimmt.
Mitunter wird einem die Ungestaltetheit des Rauhen, Brachialen - bei aller immer wieder faszinierenden Haptik - auch etwas lang, sehnt man sich mitunter nach einer konziseren Dramaturgie. Doch darum geht es Rihm in dem Stück am allerwenigsten. Vielmehr um ein spontan Kreatürliches. Rihm selbst hat davon gesprochen, wie sehr ihn die Bilder Kurt Koberscheidts oder die Übermalungen von Arnulf Rainer für diese Komposition beeinflusst haben. Und wirklich hat diese Musik viel von dunkel sich überlagernden Schichten und dräuend Expressivem.

Es war nach der Uraufführung der "Dionyos"-Oper zwei Tage davor eine enorme physische und geistige Leistung des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin und des Dirigenten Ingo Metzmachers dieses gewaltige Opus mit aller dafür nötigen Konzentration und Intensität aufgeführt zu haben.
Eingeleitet wurde der Abend auch noch mit einem völlig unbekannten Werk von Darius Milhaud: den sieben Bühnenmusiken zu Aischylos' "Choephoren" für Sopran, Bariton, Sprecherin, gemischten Chor Schlagzeug und Orchester. Eine für ihre Zeit gewiß nicht uninteressante Komposition, die aber heute doch reichlich abgestanden wirkt, zumal die Chorpassagen, die eigentlich im Zentrum stehen, seltsam uninspiriert klingen, manchmal gar harmlos heiter - während es um die blutigen Rachepläne von Elektra und Orest geht. Die Solisten Lucy Crowe (Sopran), Jean-Luc Ballestra (Bariton), Dörte Lyssewski (Sprecherin) und Martin Wuttke (Sprecher) jedenfalls waren ohne Fehl und Tadel.
Wie auch das Schlagzeugsextett The Percussive Planet Ensemble mit Martin Grubinger, das nach dem ersten Teil von "Tutuguri" für den zweiten verantwortlich zeichnete, wenngleich sich Rihms Inspiration hier eher in überschaubaren Grenzen zu halten schien.
Doch mit Grubinger als Publikumsmagnet war immerhin garantiert, dass die Besucher nach der zweiten Pause um kurz nach 22 Uhr nicht das Weite suchten.

Robert Jungwirth

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