Andrea Breth kann Personen im Dialog durch ein paar Gesten und Haltungen genau charakterisieren. Das gelingt fulminant bei Tatjana und Onegin. Wann je hat man die Zurückweisung des jungen Mädchens durch den seiner Gefühle so unsicheren und darum so überheblichen jungen Mann so intensiv und schmerzlich gesehen, wann aber auch im Finale das verzweifelte Begehren des auf Knien Rutschenden vor der Geliebten, die nunmehr aber Fürstin Gremina ist. Anna Samuil und Peter Mattei singen und spielen das eindrucksvoll. Vor allem der Schwede ist eine Idealbesetzung, ein Prachtkerl von sensiblem Macho mit betörend schönem, flexibel eingesetzten Bariton. Nicht minder intensiv mit ebenso edlem und charaktervoll leuchtendem Tenor: Joseph Kaiser, der nicht nur differenziert vokal gestaltet, sondern zudem ein exzellenter Schauspieler ist. Wie der junge Kanadier die Verzweiflung in Lenskis Abschiedsarie vor dem Duell mit Onegin aus sich heraus singt, während er die Fotos von Olga einzeln verbrennt, hat nichts von Larmoyanz, sondern ist das erschreckende Psychogramm existentieller Todessehnsucht.
Leider gelingt der jungen Russin Anna Samuil als Tatjana keine solche Charakterstudie. Das liegt nicht daran, dass ihre Stimme zwar schön aufblühen kann, aber wohl nervositätsbedingt immer ein bisschen zittert, sondern daran, dass ihr die Präsenz im stummen Spiel fehlt und sie der zentralen Briefszene in einem grell-weißen Glashaus vor Schreibmaschine nicht wirklich gewachsen ist. Da haben Regisseurin, Dirigent und Hauptdarstellerin weder die notwendige Intensität noch die Darstellung des fatalen Wechelbads aus widerstrebenden Gefühlen erreicht. Wie überhaupt Daniel Barenboim versuchte, Aggression oder Agonie auf der Bühne direkt auf die nicht besonders animierten Wiener Philharmoniker zu übertragen und es entweder richtig laut und diffus krachen oder sanft säuseln ließ, statt scharfkantig und lebendig zu artikulieren oder leise, intime, zarte Passagen auch zu beseelen.
So hat man - nicht zuletzt dank guter Besetzungen der Nebenrollen: Renée Morloc als Larina, Ekaterina Gubanova als Olga und Emma Sarkissjan als Filipjewna - den Eindruck eines zwar sperrigen, aber schlüssigen Theaterabends mit Gesang zu obligater Musik, aber nicht den eines großen Musik-Theater-Ereignisses.
Klaus Kalchschmid
Weitere Vorstellungen: 8., 11., 14., 19., 25., 29. August, jeweils 19 Uhr