Tendenz steigend: Eindrücke vom 14. Internationale Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau und St. Petersburg
(Moskau und St. Petersburg, im Juli 2011) Daniil Trifonow hat Schweißperlen auf der Stirn. Draußen herrschen Temperaturen um die 30 Grad, im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums gefühlt nicht viel weniger. Die Damen im Publikum haben Fächer mitgebracht, die Herren wedeln mit den Eintrittskarten, die Musiker schwitzen. Es ist die entscheidende letzte Wettbewerbsrunde: Nach zwei einstündigen Solo-Programmen und einem Konzert mit Kammerorchester müssen die fünf Klavier-Finalisten mit einem Konzert von Tschaikowsky und einem weiteren großen Klavierkonzert ihre Bühnentauglichkeit unter Beweis stellen. Der 20-jährige Russe Daniil Trifonow pflügt sich durch Tschaikowskys b-Moll-Konzert, er wirkt angespannt und doch traumwandlerisch sicher, hoch konzentriert, zeitweise geradezu entrückt, scheint fast in die Tasten hineinzukriechen. Und der schweißtreibende Auftritt lohnt sich: Am Ende erhält Daniil Trifonow in der Klavier-Wertung den 1. Preis und damit die Goldmedaille, außerdem den Publikumspreis, einen Sonderpreis für die beste Interpretation des Mozart-Konzertes in der zweiten Wettbewerbsrunde (zusammen mit der Koreanerin Yeol Eum Son) und schließlich den Grand Prix.
Lange galt der Tschaikowsky-Wettbewerb als einer der wichtigsten Musikwettbewerbe der Welt. Seine Geschichte begann 1958 mit einem Paukenschlag, dessen Nachhall mehr politischer als künstlerischer Art war: Den ersten Preis gewann kein Absolvent der Talentschmiede in Moskau, sondern ein Amerikaner, der 23-jährige Van Cliburn. Das Publikum schloss ihn sofort ins Herz, überhäufte ihn mit Blumen und Geschenken. Die USA feierten ihn nach seiner Rückkehr als ersten klassischen Musiker mit einer Konfetti-Parade am New Yorker Broadway - Bilder davon sind auf der Webseite des diesjährigen Wettbewerbs unter www.tchaikovsky-competition.com. zu sehen. Und in der Sowjetunion drehte man den Spieß kurzerhand um: "Auf alle ausländischen Musiker", so schrieb anlässlich des zweiten Wettbewerbsjahrgang 1962 der Komponist Aram Chatschaturjan in der DDR-Zeitung "Der Morgen", "machte die Tatsache Eindruck, daß erst beim schöpferischen Wettbewerb in Moskau der überaus begabte amerikanische Pianist Van Clyburn (sic), der die erste Prämie erhielt, zum ersten Mal 'entdeckt' wurde."
In der Folgezeit brachte der Tschaikowsky-Wettbewerb eine Fülle an großen Musikern, vornehmlich aus dem Gebiet der Sowjetunion, hervor, denen der Sieg die Türen zu den Konzertsälen der Welt öffnete: Vladimir Ashkenazy und der damals erst 16-jährige Grigori Sokolow, Gidon Kremer, Viktoria Mullova, David Geringas und Boris Pergamentschikow waren unter den 1. Preisträgern, aber auch der brasilianische Cellist Antonio Meneses und die amerikanischen Sopranistinnen Jane Marsh und Deborah Voigt. In den Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion geriet der Tschaikowsky-Wettbewerb ins Zwielicht: Misswirtschaft, mangelhafte Finanzierung und sehr fragwürdige Juryentscheidungen ließen ihn aus dem Blickwinkel der internationalen Musiköffentlichkeit schwinden.
In diesem Jahr sollte der Wettbewerb, der erstmals zeitgleich in St. Petersburg und Moskau stattfand, wieder in altem Glanz erstrahlen. Valery Gergiev, der einflussreichste Musiker Russlands mit besten Kontakten in die Politik, wurde zum Leiter berufen. Neue und transparentere Regeln, ein Abstimmungsverfahren, das sich bereits beim renommierten Van Cliburn-Wettbewerb (vom ersten Tschaikowsky-Preisträger im Jahre 1962 ins Leben gerufen) bewährt hat, Jurys mit Glamour-Faktor einschließlich Anne-Sophie Mutter, ein aufwändiger Web-Cast mit Live-Übertragung aller Wettbewerbsrunden, Auftragswerken von so namhaften Komponisten wie Krzysztof Penderecki, John Corigliano und Rodin Schtschedrin und vor allem attraktive Konzert-Engagements für die Preisträger über einen Zeitraum von drei Jahren sollten den Tschaikowsky-Wettbewerb wieder in die erste Liga katapultieren.
Ob allerdings in diesem Jahr ein Künstler unter den Teilnehmern war, der Maßstäbe setzen wird, so wie das 1958 Van Cliburn mit seiner Interpretation des 1. Tschaikowsky-Konzertes gelang, bleibt abzuwarten. Denn in allen vier Kategorien - Klavier, Violine, Violoncello, Gesang - war zwar ein mehr oder weniger hohes, aber nicht unbedingt ein Spitzenniveau zu verzeichnen.
Ein Blick zurück in die erste Wettbewerbsrunde der Sänger, die in der Capella antraten, einem Kammermusiksaal in St. Petersburg mit hervorragender Akustik: bei den Frauen 75% und bei den Männern 80% Teilnehmer aus Russland oder anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion - vielleicht haben viele andere die verlangten Lieder und Arien von Tschaikowsky abgeschreckt, vielleicht lag das mangelnde Interesse auch daran, dass die Gesangswertung gegenüber den Instrumentalkategorien etwas im Schatten steht. Zu erleben waren in der Capella viele große Stimmen, aber vielfach auch erschreckende technische Mängeln, schlechte Aussprache in fremden Sprachen, Intonationsprobleme, Lautstärke statt Ausdruck, groteske Fehlentscheidungen bei der Repertoire-Auswahl. "Ich habe das Gefühl", seufzt die Jurorin Ileana Cotrubas, ?dass es kein Wettbewerb mehr zwischen jungen Sängern ist, sondern zwischen Professoren: "Wer hat die Studenten mit dem schwersten Repertoire." Richard Rodzinski, Generaldirektor des Wettbewerbs und zuvor viele Jahre Leiter der Van Cliburn-Foundation, hält es für erforderlich, in Zukunft die Regeln zu verändern: Es sollte weniger Gewicht auf das russische Repertoire gelegt und dafür etwa Mozart oder das italienische Fach vorgeschrieben werden.
Die 1. Preise gingen sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen nicht nach Russland, sondern ? wie bei so vielen Gesangswettbewerben - nach Korea: bei den Frauen an Sun-Young Seo, die in Düsseldorf studiert und bereits beim ARD-Wettbewerb 2009 für Aufsehen gesorgt hat, mit einem ausgereiften dramatischen Sopran und einer Ausdruckskraft, die den Zuhörer in den Bann schlägt; bei den Männern gab es einen 1. Preis für Jong Min Park und einen 2. für - man kann schon einmal versuchen, sich den Namen zu merken - Amartuvshin Enkhbat aus der Mongolei, einen Bariton mit großer, warmer Stimme und solider Technik.
In der Violin-Wertung entschied man mit gutem Grund, entgegen dem Reglement keinen 1. Preis zu vergeben, stattdessen einen geteilter 2. Preis an den Russen Sergey Dogadin und an Itamar Zorman aus Israel: bedenklich in Bezug auf die Umgehung der Regeln, sinnvoll, um bei dieser Neuauflage des Wettbewerbs hohe Maßstäbe für die Goldmedaille zu setzen.
Ein besseres Niveau und hohe Leistungsdichte zeigte sich im Finale von Klavier und Cello: bei den Pianisten vielfach stupende technische Fähigkeiten, allerdings insgesamt ein Mangel an musikalischem Ausdruck, was sich besonders in der Interpretation der Mozart-Konzerte zeigte. In der Cello-Wertung war die größte Anzahl interessanter Musiker zu erleben. Hier erhielt der einzige deutsche Finalist, Norbert Anger, einen 4. Preis; ein sehr bemerkenswerter 2. Preis ging an den erst 17-jährigen Franzosen Edgar Moreau. Er machte mit müheloser Beherrschung des Instrumentes - er hat auch schon im Alter von vier Jahren den ersten Unterricht bekommen - und einem natürlichen Ausdruck auf sich aufmerksam. Den 1. Preis erhielt der Armenier Naryk Hakhnazaryan, an dem sich einer der kleinen Skandale dieses Wettbewerbs entzündet hatte: Der Dirigent Mark Gorenstein, der die Cello-Finalisten mit dem Staatlichen Sinfonieorchester Russland begleiten sollte, beleidigte ihn in einer Probe rassistisch und wurde daraufhin schleunigst aus dem Wettbewerb genommen - inwieweit sich das auf die Preisvergabe auswirkte, sei dahingestellt.
Eine zweite, weniger skandalträchtige, aber nicht weniger emotional geführte Debatte löste die Frage aus, ob die "richtigen" Teilnehmer zum Finale zugelassen worden seien - große Teile des Publikums warfen der Jury vor, die Besten aussortiert zu haben. In Internetforen wurde darüber hitzig diskutiert, auch der britische Skandal-Kritiker Norman Lebrecht, der selbst nicht in Moskau war, schaltete sich online in die Debatte ein.
Derartige Auseinandersetzungen gehören zu Musikwettbewerben wie die 80 Millionen deutschen Bundestrainer zur Fußballweltmeisterschaft. Auch wenn die eine oder andere Entscheidung tatsächlich diskussionswürdig war, scheint der Tschaikowsky-Wettbewerb mit diesem Relaunch auf einem guten Weg zu sein. Bleibt zu hoffen, dass sich dies herumspricht und der nächste Wettbewerb 2015 in allen vier Kategorien den musikalischen Spitzennachwuchs anlockt.
Eva Blaskewitz