Wege zu Bach

Zwei Pianisten stellen sich mit sehr eigenwilligen Bach-Interpretationen vor: Francesco Tristano und Simone Dinnerstein

Er ist ein Jungstar der Szene: Francesco Tristano, der 29-jährige Luxemburger, der gerade seine erste CD bei der Deutschen Grammophon herausgebracht hat, ist DJ und Pianist. Und er hat ganz eigene Vorstellungen und Vorlieben. Auf der Scheibe kombiniert er Bach und John Cage miteinander.
Francesco Tristano Schlimé, wie er eigentlich heißt, studierte an der berühmten Juilliard School in New York, außerdem an den Konservatorien von Brüssel, Riga, und Paris. In seiner Heimatstadt Luxemburg studierte er außerdem Jazzpiano. Ein musikalischer Grenzgänger also.
Tristano hat mit fünf Jahren begonnen, Klavier zu spielen, mit 13 gab er sein erstes Konzert und führte dabei auch eigene Kompositionen auf. Kurz darauf gab er erste Konzerte mit Orchestern. Er interessiert sich vor allem für Komponisten wie Bach, Frescobaldi, Scarlatti, aber auch Berio oder Cage und natürlich für Jazz.
Auf die Frage, wie es kommt, dass er Techno ebenso gern hört wie Techno - was für einen klassischen Musiker eher ungewöhnlich ist, antwortet Tristano, das hätte mit seiner Mutter zu tun, die alles durcheinandergehört habe Wagner, Pink Floyd, Country. Er habe dann neben seiner klassischen Klavierausbildung schon früh improvisiert und eigene Stücke komponiert und irgendwann seien die Stile ineinandergeflossen. Alte Musik habe er nicht mehr als alt, neue Musik nicht mehr als neu empfunden. Es hätte nur noch Musik gegeben.

So hat er neben Bachs Goldberg Variationen auch die Klavierwerke Luciano Berio auf CD aufgenommen, oder Werke von Frescobaldi.  
Die Gegenüberstellung von Bach und Cage auf dieser CD ist in mehrerer Hinsicht interessant. Zum einen aufgrund des ungewöhnlichen Kontrastes, der die Werke wechselseitig in einem durchaus anderen, vielleicht neuen Licht erscheinen lässt, zum anderen kann man in Bach und Cage - überspitzt formuliert - so etwas wie den Beginn und das Ende der abendländischen Klavierliteratur sehen, auch wenn es selbstverständlich schon vor Bach und auch nach Cage noch Klaviermusik gab bzw. gibt.
Aber beide Komponisten sind fraglos musikhistorische Eckpfeiler in der Art, wie sie für dieses Instrument geschrieben haben. Bach steht am Beginn der Entwicklung des modernen Klaviers zu einem vollwertigen Konzertinstrument. Cage markiert mit seiner Erweiterung der klanglichen Möglichkeiten durch Präparationen und später dann durch die Aufhebung des bewussten kompositorischen Akts in gewisser Weise einen Endpunkt dieser Entwicklung.
Tristano selbst äußert noch einen weiteren Aspekt, wenn er sagt:
"Cage ist eine sehr meditative Musik, die sehr wenig Anschlag vom Klavier in Anspruch nimmt, sondern eben sehr viel Resonanz. Und das ist genau das Gegenteil bei Bach. Bei Bach gibt's keine Resonanz, es gibt nur Anschlag und aktives Fingerspiel, eine Art Nervosität in den Fingern. Und dann ist Cage eigentlich die logische Ergänzung."

In der Etüde australe von John Cage aus dem Jahr 1974 hört man - wenn man genau aufpasst - im Nachhall ab und zu eine Tonveränderung, wie ein leises Pfeifen. Diese Klänge stehen nicht in den Noten, sondern wurden nach der Aufnahme hinzugemischt. Die gesamte CD ist nämlich von Sound- und Klangtüftlern bearbeitet worden. Mitunter hört man also nicht nur die Originalnoten, sondern auch ein bisschen mehr. Und auch das Klavier klingt nicht immer nur nach Klavier, sondern nach etwas anderem.
Was ein Novum darstellt in einer Aufnahme von klassischer Musik, die nicht explizit als Bearbeitung gekennzeichnet ist.

So wurde jedes Stück auf der CD eigens nachbearbeitet, um ihm ein neues Sounddesign zu verabreichen. Warum sollen sich alle Musikformen dieser Möglichkeiten bedienen, nur die Klassik nicht, fragt Tristano.
Tristano nimmt sich die Freiheit, weil er die klassische Musik nicht als eine abgeschirmte Welt betrachtet, die geschützt werden muß. Musik sei kein Regelwerk, sondern Freiheit, womit er sicher irgendwie recht hat.
Auch wenn Tristano mit dieser CD zweifellos eine interessante Richtung sowohl programmatisch als auch musikalisch einschlägt, ein neuer Stern am Bach-Himmel ist der 29jährige deshalb wohl noch nicht. Dafür sind seine Interpretationen bei allem Gespür für Sounddesign dann doch zu wenig inspiriert, zu eindimensional.

Ebenfalls mit Werken Johann Sebastian Bachs hat sich eine andere Pianistin zunächst vor allem in Amerika einen Namen gemacht: Simone Dinnerstein. Sie stammt aus New York, hat ebenfalls an der Juilliard School unter anderem bei Peter Serkin studiert und mit ihrer Einspielung der Goldberg-Variationen vor drei Jahren einen großen Erfolg in Amerika erzielt. Jetzt ist bei Sony eine weitere Bach-CD erschienen mit einer Mischung aus Solowerken (Englische Suite Nr. 3 und Choralbearbeitungen) und den beiden Klavierkonzerten Nr. 5 in f-moll und Nr. 1 in d-moll. Eines ist diese Interpretation sicher nicht: nüchtern, sachlich. Dinnersteins Bach ist volltönend, ja fast schwelgend. Auch der Einsatz des Pedals ist bei ihr deutlich hörbar. Und trotzdem entsteht keine diffuse Klangsoße, sondern ein orchestrales Gewebe.
"Bach Strange Beauty" ist der Titel dieser neuen CD - also Bach, die seltsame Schönheit. Wesentlich für das Bach-Verständnis von Simone Dinnerstein ist, dass sie nichts davon hält, Bach möglichst gerade und rubatofrei zu spielen. Und so klingt ihr Bach deutlich freier, als bei manch anderen Interpreten, romantischer, wenn man so will, ohne dabei aber je effekthascherisch zu wirken.

Der Titel, "the strange beauty", bezieht sich auf eine Aussage des Schriftstellers und Philosophen Francis Bacon, wonach es keine erlesene Schönheit gibt, die nicht irgend etwas Seltsames in ihren Proportionen aufweist.
Dinnerstein erkennt dieses Prinzip auch in Bachs musikalischer Schönheit. Oberflächlich gesehen, sagt die Pianistin, geht es in Bachs Musik um Muster, Symmetrie und Logik, tatsächlich aber weicht sie ständig und auf überraschende Weise davon ab.
Bach wandele eine Seqzenz leicht ab oder ändere den rhythmischen Akzent in einem Takt, so dass man plötzlich nicht mehr wisse, wo der betonte Taktteil sei. Alles, was er schreibt, sei geheimnisvoll und überraschend.

Mit spürbarer Freude widmet sich Dinnerstein diesen Besonderheiten, stellt sie heraus, ohne dabei pädagogisch oder verkrampft zu wirken.
Wie Tristano steht auch Simone Dinnerstein für einen freieren Umgang mit dem großen Johann Sebastian Bach. Wie es ihn ja auch schon früher gab, wenn man an die vielen Bearbeitungen seiner Werke denkt. So wundert es nicht, dass Dinnerstein drei solcher Bearbeitungen auf ihrer CD vereint, Choralbearbeitungen von so bedeutenden Kollegen wie Busoni und Wilhelm Kempff, die Komponisten und Pianisten waren.
Gewiß ist das Bachspiel von Simone Dinnerstein nicht für jeden gleichermaßen überzeugend, gewiss polarisiert sie ihre Zuhörerschaft, aber es ist eine eigene künstlerische Handschrift, die sich hier offenbart - oder wie die New York Times anerkennend schrieb:
"Eine höchst individuelle Stimme im Dickicht der Bach-Interpretationen."

Dinnersteins Bachinterpretationen haben etwas sehr Lebendiges, Phantasievolles, ja Spielerisches - ist dabei aber immer getragen von einem sehr genauen Gespür für den Geist der Musik.
Die Freiheiten, die sie sich nimmt, laufen dem Geist von Bachs Musik nicht entgegen, sondern sind ihm zu Diensten, wenn man so will. Unterstützt wird sie in den Klavierkonzerten Nr. 5 in f-moll und Nr. 1 in d-moll vom Kammerorchester der Staatskapelle Berlin, das den romantisierenden Tonfall Dinnersteins aufgreift und sozusagen historisch-unkorrekt sekundiert.

Robert Jungwirth


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