Patrice Chéreaus fantastische, ungemein genau gearbeitete "Tristan und Isolde"-Inszenierung aus der Mailänder Scala vom 7. Dezember 2007 gibt es nun auf DVD (Virgin) zu bewundern
Nicht nur der tödlich verwundete Tristan stirbt im Augenblick von Isoldes langersehnter Ankunft an seiner Wunde, auch sie erleidet am Ende einen Blutsturz: Während Waltraud Meier ergreifend "Mild und leise wie er lächelt" singt, rinnt ihr eine feine, unaufhaltsame rote Träne über Stirn und Wange, bevor Isolde zu den letzten Takten mit kleinen, unsicheren Schritten nach hinten wankend zusammenbricht.
Patrice Chéreaus fantastische, ungemein genau gearbeitete "Tristan und Isolde"-Inszenierung aus der Mailänder Scala vom 7. Dezember 2007 gibt es nun auf DVD (Virgin) zu bewundern. Ein Drama höchster psychologischer Präzision ist dem französischen Theater-, Film- und Opernregisseur gelungen; ein Drama der zarten, leisen Blicke, Gesten und Berührungen. Zwei Beispiele: Wenn beide den vermeintlichen Todes- (und eigentlich Liebes-)Trank zu sich genommen haben, fällt Tristan vor Isolde auf die Knie und küsst den Saum ihres Kleides. Am Ende des zweiten Akts fällt Isolde auf die Knie und streckt als Zeichen der unbedingten Hingabe ihre Hand aus - die Tristan wieder küsst.
Neben diesen Momenten größter Intimität zeigt Chéreau die ständige Beobachtung, den Druck oder die Unterstützung der beiden von außen. So sind die Seeleute im ersten Akt auf einer Art breitem Steg, der aus einer riesigen, atmosphärisch blau beleuchteten Backstein-Mauer herauswächst, nur durch ein paar Kisten von Isolde und ihrer Vertrauten Brangäne getrennt. Die muss sich, als Botin auf dem Weg zu Tristan, durch die zahlreichen Männer zwängen, die mit verschiedensten Arbeiten beschäftigt sind oder sich, halbnackt und barfuß, gerade waschen. Nach der Entdeckung des Liebespaars im zweiten Akt verfolgen sie aufmerksam die Klage König Markes (zugleich Ehrfurcht gebietend und menschlich anrührend: Matti Salminen). Am Ende führt Chéreau dieselben Männer in ihrer Anteilnahme an Tristans Fiebervisionen minutiös individuell: wie sie und Kurwenal (sehr jugendlich markant gezeichnet von Gerd Grochowski) den Todkranken immer wieder zu Hilfe eilen, ihn stützen und neu betten. Ian Storey singt und spielt den verzweifelten Kampf um Leben und Tod großartig; Waltraud Meier gestaltet in Stimme und Spiel noch intensiver als (ebenfalls auf DVD) in der Heiner-Müller-Inszenierung (Bayreuth 1995, DGG) oder unter Konwitschny (München 1998, Arthaus). Dank Daniel Barenboims Erfahrung mit dem "Tristan" gelingt auch orchestral eine bestechend detailgenaue, unaufgeregte, bezwingende Deutung. Nur schade, dass der Film oft hektisch und wenig musikalisch geschnitten ist, erst spät auch Totale und Halbtotale hinreichend einbezieht und sich in zahlreichen Auf-, Ab- und Überblendungen verkünstelt. Dem Rang der DVD als Aufzeichnung eines Musiktheater-Juwels tut das keinen Abbruch.
Klaus Kalchschmid