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Das Trio Wanderer erobert sich mit dem Bratscher Antoine Tamestit Gabriel Faurés Klavierquartett-Kosmos. Am 15. Januar erscheint die Neueinspielung bei Harmonia Mundi. Klaus Kalchschmid hat sich mit den Musikern getroffen.
(München, Januar 2009). Warum nennt sich ein französisches Klaviertrio in schönstem, für seine Landsleute sperrigem, marketingtechnisch jenseits des Rheins problematischem Deutsch "Trio Wanderer"? Stellt man diese Frage gleich zu Beginn eines Interviews, dann sprudelt es aus dem Pianisten Vincent Coq nur so heraus: "Natürlich wegen Schubert und seiner wunderbaren Musik, die das Wandern immer wieder thematisiert! Und weil diese Vorstellung vom Wandern vom Leben erzählt als immerwährender, nie endender Reise, vom niemals Haltmachen auf dieser Reise. Wandern heißt auch, dass Erfahrung, dass Weiterkommen im ganz konkreten Sinn das Wichtigste ist im Leben und dass vieles einfach geschieht ohne unser Zutun."
"Erfahrung", das ist ein schönes Stichwort, wenn man mit den drei Männern des "Trio Wanderer" spricht, die bei aller Unterschiedlichkeit im Temperament mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick meint, und doch beständig aneinander wachsen. Der Geiger Jean-Marc Phillips-Varjabédian: "Wir haben dieselbe Ausbildung, dasselbe Alter und keiner von uns hat ein Problem mit seinem Ego." Kein Wunder, dass sie ohne Worte auskommen, wenn sie die Akustik im Herkulessaal der Münchner Residenz testen, nachdem sie tags zuvor in einem kleinen barocken Bibliothekssaal gespielt haben, der eine ganz andere Akustik hatte, was vor allem für den Pianisten ein Problem war, der unter einer Empore platziert war. Im viel größeren Saal tariert man nun aus, wie viel mehr man geben muss, wann sich jeder wohlfühlt. Urvertrauen prägt das Zusammenspiel: "Wir sind wie Fledermäuse, blind zwar, aber wir finden überall sicher hin." Trotzdem die unvermeidliche Frage: "Streiten Sie sich manchmal?" Antwort: "Oft!" Und der unmissverständliche verschmitzte Blick des Pianisten, der besagt "Nächste Frage bitte!"
Es gibt keine Aufnahme des "Trio Wanderer" bei Harmonia Mundi, die für dieses blinde Vertrauen, für das traumwandlerische Zusammenspiel im Augenblick des Konzerts oder einer Aufnahme nicht als Beweis dienen könnte: 2001 erschien eine sensationelle Scheibe mit vor aufregender Lebendigkeit nur so sprudelnden Haydn-Trios, 2003 eine wunderbar luzide Einspielung des Schubertschen Forellenquintett, 2006 Mendelssohn und Brahms. Vor allem die Gesamtaufnahme der drei Trios samt dem Klavierquartett op. 25 von Johannes Brahms hat zu recht Preise ohne Ende eingeheimst. Wieder verblüfft die Ausgewogenheit der drei Instrumente und ihre Interaktion bei einem Höchstmaß an Intensität. Damit wird die Dichte des Brahmsschen Satzes im emphatischen wie analytischen Sinne "durchleuchtet", genau aber greifen die drei auch launig die vielen tänzerischen Impulse auf.
Am 15. Januar erscheint eine CD, für die sich das Trio Wanderer wieder einen Bratscher in seine Mitte geholt hat, der mit ihnen eine perfekte Symbiose eingeht - Antoine Tamestit: eine CD mit den beiden Klavierquartetten von Gabriel Fauré. Beide knüpfen ganz unterschiedlich an Brahms an. Denn französisches Melos, eine Leichtigkeit der melodischen Erfindung, markiert etwa im opus 15 in c-moll von 1876 - mit seinem drei Jahre später nachkomponierten Finale - einen gewichtigen Unterschied. Schon der Kopfsatz hat durch seine Bewegung in punktierten Achteln einen tänzerischen, sanft wiegenden Charakter. Immer wieder wird das gerade mal vier Takte lange charakteristische Thema fein abgewandelt und rhythmisch wie harmonisch und melodisch anders beleuchtet. Dem Trio Wanderer und Antoine Tamestit macht es hörbar Freude, auch die exquisiten harmonischen Verläufe in mildem impressionischen Licht erstrahlen zu lassen. Nicht minder geschmeidig, aber intensiver strömen die Streicher zusammen mit dem Klavier im Adagio dieses ersten Quartetts. Dagegen hat das Scherzo seine Vorbilder ebenso bei Mendelssohn wie in der Salonmusik. Auch das Finale löst sich bei den vier Franzosen teilweise ganz bezaubernd in fließende, hell flirrende Bewegung auf.
Das zweite Quartett in g-moll op. 45 von 1886 steht in seiner Faktur Brahms näher, obgleich auch hier die Melodik unverkennbar die Faurésche Sprache spricht. Doch die Strukturen sind dichter gewebt, der Ton ist leidenschaftlicher. Das Scherzo setzt eigenwillige rhythmische Akzente und schlägt harsche Töne an. Im Adagio non troppo allerdings gibt die Bratsche den Duktus einer sanften Elegie vor, dem Geige und Cello folgen. Auch das Klavier mischt eher Farben hinzu - im Gegensatz zum vorwärtsdrängenden, auch durch Synkopen kaum gebremsten Elan des Finales mit seinen intensiven Unisono-Passagen. Das Trio Wanderer und sein französischer Kollege Tamestit, der 2004 den ARD-Wettbewerb gewann, finden einen wunderbaren Ausgleich zwischen der stets gewahrten Durchsichtigkeit des musikalischen Gewebes, der Lebendigkeit der Artikulation und einer stets spürbaren Stringenz des Ausdruck. Auch hier gelingt eine plastische, nie süßliche, aber stets zugleich empfindsame und expressive Interpretation, bei der die vier Musiker in jeder Hinsicht die gleiche Sprache sprechen.
"Kammermusik ist menschlicher als Solokonzerte" sagt Cellist Raphaël Pidoux irgendwann im Gespräch scheinbar unvermittelt und man ertappt sich bei dem Gedanken, dass die drei gut daran taten, dass sie sich schon 1987, zwei Jahre bevor sie in Paris ihr Studium abschlossen, gegen eine Solokarriere und ganz für die Kammermusik entschieden haben!
Klaus Kalchschmid