Die Frucade des Teufels

Der Apfel der Erkenntnis ist zugleich eine Fruchtblase, die Verderben gebärt oder so ähnlich...Gleich wird Eva im Regressionseifer in den Apfel hineinspringen, was ihr aber auch nichts hilft. Foto: Wilfried Hösl

Uraufführung der Oper "Die Tragödie des Teufels" von Peter Eötvös und Albert Ostermaier an der Bayerischen Staatsoper

(München, 22. Februar 2010) Um es gleich vorwegzunehmen: Hätte nicht ein derart versierter, kluger und mit allen Wassern des Opernhandwerks gewaschener Komponist wie der Ungar Peter Eötvös diese Oper komponiert, es hätte auch anders ausgehen können. So aber kam am Ende ein vom Publikum sehr positiv akklamiertes, abwechslungs- und beziehungsreiches eindreiviertelstündiges Musiktheater heraus. Trotz - und dagegen richtet sich allein alle zu äußernde Kritik - trotz eines Librettos des Münchner Lyrikers und Dramatikers Albert Ostermaier, das in seiner bedeutungshubernden Geschwätzigkeit nur schwer zu ertragen ist.

Eine Faust-Oper hatte Intendant Nikolaus Bachler bei Albert Ostermaier bestellt, und die erste Szene der Oper ist denn auch pflichtschuldigst mit "Prolog im Himmel" überschrieben wie weiland bei Goethe. Auch sonst strotzt der Text nur so vor Anspielungen und Zitaten, dass einem schier schwindelig wird. Von Dantes "Göttlicher Komödie" bis zum Science Fiction-Klassiker "Matrix" lässt Ostermaier nur wenig aus und wirbelt alles mit seinem postmodernen Quirl so lange wildest durcheinander bis, am Ende nur noch Belanglosigkeiten übrig bleiben - so wie alles irgendwann schwarz wird, wenn wir nur genug Farben ineinander rühren. Die Verwirrungen sind also größer als die sinnstiftenden Anteile in dieser Oper, weil Ostermaier vor lauter Wollen das Können vergessen hat.

Faust ist Adam, Adam ist Faust. Topi Lehtipuu (Adam), Georg Nigl (Lucifer) Fotos: W. Hösl

Labyrinthisches Spiel um Erkenntnis und das Gegenteil davon

Das Libretto blendet Faust und den ersten Menschen Adam ineinander und kreiert in dessen durch Luzifer beeinflusste Welterfahrung einen wahren Wettbewerb an Sündenfällen, von Gewalt über Krieg - hier in Form des Irak-Kriegs samt Gefangenenfolter à la Abu Ghraib - bis zur wunschgemäßen Reproduktionsgenetik. Schöpfungsmythen und apokalyptische Szenerien fließen ineinander, und sogar die Hoffnungsträgerin Eva bekommt Konkurrenz durch Adams erste Frau Lilith, die als Luzifers Assistentin Lucy die Nebenbuhlerin Eva ein für alle mal unschädlich machen will. Das ist in etwa die Kurzversion der Handlung, die Nikolaus Bachler bei einer Einführungsveranstaltung nicht im Stande war nachzuerzählen und stattdessen lieber zur Inhaltsangabe im Programmheft griff.

Es ist in hohem Maße bewundernswert, mit welcher Hingabe, Detailgenauigkeit und kreativen Energie sich Peter Eötvös diese Vorlage zu eigen machte. Seine Musik löst ein, was der Text lediglich vorgibt zu sein, ein "komisch-utopisches Theater in zwölf Bildern". In Eötvösschs Musik, die er selbst mit intensiver Genauigkeit dirigierte, scheinen plötzlich Ironie und Witz auf, die man beim Lesen des Texts vergeblich sucht. Aber auch das Pathos des an den Menschen verzweifelnden Luzifer oder des zum Bösen gewendeten Adam bekommt plötzlich eine zusätzliche Dimension. Wie schon bei seinen "Drei Schwestern" bedient sich Eötvös auch hier eines zusätzlichen Orchesters auf der Bühne, das die traumhaft, irrealen Ebenen besonders zum Klingen bringt. Ganz ausgezeichnet ist die Sängerbesetzung, allen voran Georg Nigl als Luzifer, der silbrig hell klingende Tenor Topi Lehtipuu als Adam und Ursula Hesse von den Steinen als guttural-teuflische Lucy.
Die Inszenierung von Balács Kovalik im Futurismus und Antike zusammenzwingenden Bühnenbild von Ilya und Emilia Kabakov reagiert wie Eötvösschs Musik intelligent und findig auf die Vorlage, verzichtet glücklicherweise auf weitere Ausdeutungen des überbordenden Ostermaierschen Beziehungsgespinstes.
Am Ende stellt Luzifer fest: "Ich bin verraten von einem Satansbraten". Das soll dann wohl so etwas wie eine Schlußpointe sein. Immerhin fällt danach recht bald der Vorhang.
Robert Jungwirth 

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