Mozarts "Titus" in einer Neuinszenierung mit Elina Garanča, Juliane Banse und Michael Schade an der Wiener Staatsoper
(Wien, 1. Juni 2012) Er ist schon da, wenn sich der Vorhang öffnet, und er, der Nebel, wird überraschenderweise nicht stärker, wenn Rom brennt und der Aufstand gegen Titus scheitert. Nur ein paar schick gewandete Leichen liegen im Bühnenrauch zwischen den dezent verteilten Ascheportionen herum. Nebel liegt zeitweise auch über der Musik. Louis Langrée dirigiert auch in der Neuinszenierung von Mozarts "La clemenza di Tito" an der Wiener Staatsoper die als Opernorchester auftretenden Philharmoniker. Aber es mangelt an Schliff, zupackender Kantigkeit, Verständnis für die spezifisch mozartische Dramatizität, zuweilen auch an Transparenz im Klang. "Kein Biss", sagt der neben mit sitzende Kollege aus Ljubljana, "nicht schlecht, aber auch nicht umwerfend, weniger, als man von der Wiener Staatsoper erwarten darf. "Un po provinciale." Was er vielleicht nicht weiß: Es ist besserer Mozart als im Jahreshausdurchschnitt.
Was soll man dem slowenisch-italienischen Kommentar hinzufügen? Vielleicht, dass die Sänger müde und angestrengt wirkten? Das kann im Repertoire-Alltag vorkommen. Dabei wurden die Protagonisten im Drama um die vorgebliche Milde des Titus gewiss sorgfältig ausgewählt. Und die Regie ist durchdacht, führt die in Mozarts Oper nicht (oder besser: nur in Gesprächen existente) Aspirantin auf Titos Zuneigung, die jüdische Prinzessin Berenice, als stumme Bühnenfigur ein, vielleicht sogar ein bisschen zu viel. Das Bühnenbild (von George Tsypin) ist fürs Auge ansprechend, auch repertoiretauglich. An schönen Kleidern (Birgit Hutter) wurde nicht gespart
Die Unordnung auf der Bühne nach dem misslungenen Anschlag auf Tito wurde hierorts verschiedentlich moniert. "Sorgen haben die Leut´", würde Nestroy gesagt haben, "a geordnete Anarchie wolln's haben." Dabei werden die Verschwörer von der machtgierigen Servilia eh so schön bewaffnet und mit kugelsicheren Westen versehen, die so leicht sind, dass man sie lieber nicht ausprobieren möchte.
Wer die schönen Aufständischen sind, möchte man natürlich gerne wissen. Da das aber ebenso wenig zu erfahren ist, wie die Frage beantwortet wird, warum der Chor immer mit Notenpulten auftritt, konzentrieren wir uns auf die Sänger: Michael Schade ist ein auch stimmlich vollwertiger Titus. Juliane Banse und Elina Garanča spielen und singen ihre Rollen als Vitellia bzw. Sesto mit großem emotionalen Einsatz. Chen Reiss als Servilia und Serena Malfi als Annio zeigen die größten vokalen Ermüdungserscheinungen, während Adam Plachetka einen polternden, um nicht zu sagen: bellenden Wachhund Publio gibt. Der Staatsopernchor hat zuweilen Probleme, sich - im Hintergrund postiert - gebührend bemerkbar zu machen.
Die Bühnenzeit schwankt irgendwo zwischen gestern, heute und nirgendwann; auch die Überwachungskamera wurde nicht vergessen. Doch was nützt die vorgebliche Modernität schon gegen die gepflegte englische Zurückhaltung, die aus dem Graben tönt?
Derek Weber