Pianist Till Fellner mit fünf Beethoven-Sonaten im Münchner Prinzregententheater
(München, 15. März 2010) Hörbaren - nicht nur sichtbaren - Wiederkennungswert zu besitzen, aus der Klavier spielenden Masse herauszustechen durch einen charakteristischen Tonfall, kurz: eine unterscheidbare Interpretenpersönlichkeit erkennen zu lassen, ist nicht wenig für einen Pianisten. Till Fellner verfügt über eine solche Persönlichkeit. Seine unverwechselbare Interpretationshaltung ist geprägt von höchster Werk- und Selbstkontrolle, von der Priorität klanglicher Ausgewogenheit gegenüber spontanem Gefühlsausdruck, von einer warmen, geschmeidigen Tongebung, die auch dort noch singt, wo andere schon schreien. Im Prinzregentheater näherte sich Fellner solcherart den Beethovenschen Klaviersonaten.
Seit 2008 reist Fellner mit sieben verschiedenen Beethoven-Programmen durch die Welt. In Wien, New York, Tokio und einigen anderen Städten spielt er den kompletten Zyklus, München wurde mit einem Abend bedacht. Die Zusammenstellung der einzelnen Programme schaute sich Fellner bei Alfred Brendel ab. Sie folgt teils einer chronologischen Zuordnung, teils dem Prinzip des Kontrasts zwischen Früherem und Späterem. Das Münchner Programm stellte den zwischen 1798 und 1800 entstandenen Sonaten op. 13, 14 und 22 die Les Adieux-Sonate op. 81a von 1809/10 gegenüber. Die Zusammenstellung machte hörbar und erlebbar, wie Beethoven in den frühen Werken das von Haydn und Mozart ererbte Formprinzip zur Erfüllung bringt, um später noch Mutigeres, Poetischeres, Expressiveres zu wagen.
Nicht allen Sonaten kam Fellners Interpretationsansatz gleichermaßen entgegen, am wenigsten dem berühmten op. 13, der "Grande Sonate Pathétique". Das Programmheft mutmaßte, was Beethoven wohl dazu bewogen haben mag, gerade diese Sonate mit dem Beinamen "Pathétique" zu versehen. Fellner setzte hinter diese Mutmaßungen noch ein paar Fragezeichen mehr: Im eröffnenden, vollgriffigen c-Moll-Akkord stapelte er die sieben Töne fein säuberlich übereinander, anstatt ein schroffes Signal zu markieren. Auch die anschließenden musikalischen Verwerfungen klangen eher gezähmt, denn als Ausdruck echten Aufbegehrens. Existenzielles wurde hier nicht verhandelt.
Wo Existenzielles nicht zur Debatte stand, wo Beethoven Mozarts schlichte Schönheit, Haydns Witz und die eigene Kunst der Motivverdichtung glücklich vereinte, wie in den beiden Sonaten op. 14 Nr. 1 und 2 oder in der größeren op. 22, da gelang Fellner Mustergültiges. Als er im langsamen Satz der 2. Sonate op.14 mit dem letzten, von Beethoven fortissimo markierten Akkordschlag abrupt die Stille zerbersten ließ, löste er mit verschmitzter Absicht Szenenapplaus aus bei denen, die sich - aus der Andacht gerissen - schon am Ende der Sonate wähnten.
"Das Chaos muss durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern", zitiert Fellners Lehrer Brendel gerne Novalis. Wo Fellner seine Wohlerzogenheit aufgab, sich Verschmitztheiten gönnte oder, wie im letzten Satz von Les Adieux, sogar Leidenschaften, da fesselte er anstatt nur zu gefallen. Fellners Beethoven-Zyklus könnte ein großer werden, wenn das Chaos noch ein wenig mehr durchschimmern darf.
Markus Schäfert