Till Fellners Beethoven-Marathon: Auf CD mit den Konzerten vier und fünf, im Konzertsaal mit allen Klaviersonaten. Am 15. März gibt Fellner einen Beethoven-Abend im Münchner Prinzregentheater
Beethoven ist einer der bestimmenden Komponisten in Till Fellners Karriere. Als er 1993 den Clara-Haskil-Wettbewerb gewann und sich damit in eine mit Namen wie Christoph Eschenbach, Richard Goode und Evgeni Koroliov geschmückte Preisträgeriege einreihte, bekam er als gerade 20-Jähriger die Möglichkeit, gemeinsam mit Neville Marriner alle fünf Beethoven-Klavierkonzerte zyklisch aufzuführen und die Konzerte zwei und drei auf CD zu verewigen. Etwas später folgte eine Gesamteinspielung von Beethovens Sonaten für Cello und Klavier zusammen mit Heinrich Schiff. Jetzt hat Fellner sich im Konzertsaal alle 32 Klaviersonaten vorgenommen und spielt parallel dazu gemeinsam mit Kent Nagano die Klavierkonzerte für das Münchner Label ECM ein. Den Anfang machen die Nummern vier und fünf.
Mangel an guten Gesamteinspielungen von Beethovens Klavierkonzerten herrscht nicht. Wilhelm Kempff, Paul Badura-Skoda, Friedrich Gulda, Pierre-Laurent Aimard, auch Fellners Mentor Alfred Brendel haben - teils mehrfach - Gesamtaufnahmen vorgelegt, die durch Detailvielfalt und Stilsicherheit ebenso überzeugen wie durch einen charakteristischen Tonfall, der sie aus der Masse der Veröffentlichungen heraushebt.
In puncto Detailgenauigkeit besteht Fellner den Vergleich mit diesen Referenzen zweifellos. Selbst an pianistisch heiklen Stellen unterschlägt er nichts, stellt in Trillern oder schnellen Läufen jeden Ton plastisch vor unsere Ohren. Die eigenwillige Metrik der Konzerte setzt Fellner minutiös um, wobei ihm Kent Nagano mit seinem bestens vorbereiteten Orchestre Symphonique de Montréal ein idealer Partner ist. Die beiden eint ein unheroisches, schnörkelfreies Beethovenverständnis, das auf einen flüssigen Tonfall setzt und Akzente eher andeutet, als sie mit großen Ausrufezeichen zu versehen.
Diese Dezenz hat freilich auch ihre Tücken, gerade im vierten Konzert, das Fellner und Nagano allzu nah an Mozart heranrücken. Die Orchesterschläge im zweiten Satz lässt Nagano ausschwingen, anstatt sie schroff abzureißen und verschenkt so die Gegensatzwirkung zwischen scharfem Orchesterklang und zaghaft singendem Klavier. Im Passagenwerk des Klavierparts zeigt Fellner sich allzu zurückhaltend. Beethoven gibt dem Solisten dort die Möglichkeit, virtuos zu glänzen, treibt aber auch musikalische Entwicklungen voran. Fellner spielt diese Passagen, als seien sie rein figuratives Ornament, und lässt mit betont schlankem, ans Hammerklavier erinnerndem Ton auch die Möglichkeit ungenutzt, sich als Virtuose zu exponieren. Dem überstrapazierten fünften Konzert bekommt diese Zurückhaltung weitaus mehr. Kraftvoll, aber unpompös gehen Fellner und Nagano das Stück an und befreien es damit von manchem Klangschwulst, der sich nicht zuletzt aufgrund des unauthentischen Beinamens "Kaiser-Konzert" im Laufe der Jahre angesammelt hat. Insbesondere im berühmten Mittelsatz gelingt Fellner und Nagano das kleine Wunder, sattsam Bekanntes völlig neu und unverbraucht erblühen zu lassen.
Eine entschlackende Neubefragung versucht Fellner derzeit im Konzertsaal auch mit Beethovens Klaviersonaten. 2008 hat er sich aufgemacht, alle 32 Sonaten auf Konzertpodien zwischen Tokio, New York und Wien zu präsentieren, wobei es ihm, wie er selbst sagt, nicht darum geht, "zu einer ein für allemal gültigen Lösung zu finden." Wer wollte das schon von sich behaupten.
Im Münchner Prinzregentheater kann man am 15. März erkunden, was Fellner derzeit zu Beethovens Sonatenkosmos zu sagen hat.
Markus Schäfert
Montag, 15. März, 20 Uhr, Prinzregentheater München
Till Fellner, Klavier
Ludwig van Beethoven:
Sonaten für Klavier op. 14. Nr. 1 und 2, op. 13 ("Pathétique"), op. 22 und op. 81a ("Les Adieux")