Meta-Klavierkonzert

Thomas Larcher nimmt sich auf seinem neuen Album "Madhares" alle kompositorischen Freiheiten

Geboren und aufgewachsen in Tirol, ist Larcher ein Querkopf, der sich ungern etwas vorschreiben geschweige denn verbieten lässt. Schockiert war er, als er zum Studium nach Wien kam und dort mit all den Tabus und Grenzziehungen konfrontiert wurde, die die Neue-Musik-Szene so hermetisch machen. Seinen Kompositionen hört man diesen musikästhetischen Anarchismus an: Larcher gestattet sich stilistisch alles, was dramaturgisch Sinn macht. Und meistens funktioniert das auch, wie das neue Album "Madhares" zeigt, das jetzt bei ECM erschienen ist.

Nach "Naunz" und "Ixxu" ist "Madhares" bereits das dritte Larcher-Album bei ECM: Waren die ersten beiden CDs kleineren Besetzungen gewidmet, stehen nun Orchesterwerke mit Soloinstrument im Mittelpunkt: "Böse Zellen" für Klavier und Orchester sowie "Still" für Viola und Kammerorchester. Dass gerade das Streichquartett "Madhares" als Titelgeber für das Album herhalten musste, kann wohl nur die Marketingabteilung von ECM erklären: Den kompositorischen Entwicklungsprozess, den Larcher mit der Hinwendung zum Orchester vollzogen hat, pointiert es jedenfalls nicht.

Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Komponisten, die mit dem von ihnen geforderten Instrumentarium die Konzertpodien an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen lassen, schreibt Larcher für recht überschaubare Besetzungen. Im Fall der für das Klavierfestival Ruhr entstandenen "Bösen Zellen" lag das nicht zuletzt daran, dass Auftraggeber Franz-Xaver Ohnesorg Larcher vorgab, das Orchester von Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 482 zu übernehmen. Larcher hat sich bis auf einige Extras bei den Bläsern und eine größere Schlagwerk-Batterie daran gehalten. Aus der Bezugnahme auf Mozarts Konzerte schöpfte er künstlerischen Gewinn: Larcher erdachte ein Klavierkonzert über das Klavierkonzert, ein Meta-Konzert mithin. Die übliche Konstellation zwischen Solist und Orchester stellt er auf den Kopf. Mit Gummikeilen und Gaffa-Tape ist das Klavier präpariert, es klingt matt und erstickt, kann sich selbst kaum Gehör verschaffen und muss beim Orchester lieb bitten, um auch einmal vortreten zu dürfen. Erst gegen Ende wird das Klavier durch Pianist und Umblätterer von allen dämpfenden Präparierungen befreit und schwingt sich auf zu einer Geste von Rachmaninoffscher Größe, bevor alles verklingt. Dem originellen 20-Minuten-Werk ist zu wünschen, dass mehrere Pianisten die Anregung aufgreifen, es als Ohrenausputzer vor einem klassischen oder romantischen Konzert aufs Programm zu setzen: Die Hörer werden dadurch neu sensibilisiert für die Gesetzmäßigkeiten des überkommenen Formkanons.

Dass "Still" für Viola und Kammerorchester nicht ganz auf dem Niveau der "Bösen Zellen" ist, liegt vor allem an der redundanten Struktur: Zwei ähnlich aufgebaute Sätze reihen sich hier aneinander, beide sind sie mit der Tempobezeichnung "fließend" versehen. Was im zweiten Satz noch Neues zu sagen ist, wird nicht wirklich klar. Das ist schade, weil der erste, wie bei Larcher so oft aus der Stille erwachsende Satz mit seinen melodischen Gesten und tonalen Inseln dem Solisten allerlei Gelegenheit gibt, die Ausdrucksmöglichkeiten der Viola auszuloten, und so eigentlich eine willkommene Ergänzung des nicht allzu breiten Repertoires für Bratsche und Orchester ist.

"Madhares" schließlich, das Streichquartett, ist wieder ganz auf dem hohen Niveau der "Bösen Zellen": Larcher treibt das Quartett an schrille Ausdrucksgrenzen, um im nächsten Moment mit einer schlichten Melodie die Zeit einzufrieren, nicht kitschig, sondern dramaturgisch durchdacht und musikalisch bewegend. Das Quatuor Diotima interpretiert das ebenso mitreißend, wie sich Till Fellner, Kim Kashkashian und das Münchener Kammerorchester unter Dennis Russel Davies geradezu in Larchers Musik werfen. Dass sich der zuletzt vorwiegend mit Bach und Beethoven aufgefallene Till Fellner als Anwalt Larchers exponiert, erfreut besonders. Seine im Standard-Repertoire gelegentlich allzu brave Interpretationshaltung wirkt hier deutlich geschärft, fast aufgekratzt. Die Klassiker können nur davon profitieren.

Markus Schäfert

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