Thielemann will in München bleiben

Christian Thielemanns Vertrag als Chef der Münchner Philharmoniker steht zur Verlängerung an -  doch intern ist ein Streit um Kompetenzen ausgebrochen

(München, 14. Juli 2009) Schlechte Stimmung bei den Münchner Philharmonikern. Zumindest hinter den Kulissen. Seit Monaten steht die Verlängerung des Vertrages von Christian Thielemann an, doch gibt es immer noch ungeklärte Feinheiten, an denen sich offenbar die Gemüter entzünden. Thielemann, der vor fünf Jahren sein Amt als Generalmusikdirektor der Stadt München antrat und dessen Vertrag noch bis 2011 läuft, möchte für weitere fünf Jahre verlängern. Unter den bisherigen Bedingungen.
"Wie soll ich mich mehr auf München konzentrieren, wenn ich weniger Kompetenzen hätte", fragt der GMD selbstbewusst.

Dass diese Kompetenzen manchem zu weit gehen, daraus macht man im Münchner Rathaus kein Hehl. Von dort kommen allerlei Vorwürfe:  Thielemann verhindere renommierte Gastdirigenten und gebe das Programm für sie vor, weil er nicht wolle, dass Gäste in seinem angestammten klassischen und deutschromantischen Repertoire wilderten.
Dazu Thielemann: "Alle in der Süddeutschen Zeitung genannten Dirigenten (Rattle, Salonen, Haitink, Boulez, Muti, Harnoncourt) waren auch von uns angefragt, aber einige sind mit dem BR verbandelt und lehnten deshalb ab." Von Harnoncourt weiß man, dass er den Gasteig wegen seiner schlechten Akustik nicht mehr betritt.

Darüber hinaus wird jetzt bemängelt, dass GMD Christian Thielemann im Sommer einer der Fixsterne auf dem Grünen Hügel in Bayreuth ist. Der Dirigent meint: "Das wusste man doch, als ich hier anfing." Überdies wird ihm vorgeworfen, dass er mit den Wiener Philharmonikern einen Beethoven-Zyklus einspielt. Thielemann kontert, dass er mit seinem Orchester, den Münchner Philharmonikern, den gesamten Bruckner aufnehme, dass in Baden-Baden ein gemeinsamer "Rosenkavalier" aufgezeichnet wurde, dem dort Richard Strauss' "Ariadne", "Elektra" und Wagners "Ring des Nibelungen" folgen sollen.
Der Dirigent verweist auch nicht ohne Stolz darauf, dass seit Beginn seiner Amtszeit 3500 neue Abonnenten gewonnen wurden und er bekennt: "Es ist eine unglaublich schöne Arbeit." Deshalb will Thielemann diese Arbeit fortsetzen, als Chef sein Orchester prägen und das auch in der Zusammenarbeit mit den entsprechenden Pult-Kollegen. Denn Thielemann deckt - branchenüblich - mit seinem Vertrag nur ein Drittel der philharmonischen Konzerte ab. Bei den übrigen zwei Dritteln stehen andere Dirigenten am Pult der Philharmoniker. Dabei ist Qualität gefragt und Kooperation von Seiten Thielemanns - entgegen eventueller persönlicher Eitelkeiten - angesagt.
So weit, so gut. Dass Thielemann, der nach dem nur bedingt geglückten Zwischenspiel mit James Levine, endlich die Linie Celibidaches fortsetzt und bei den Philharmonikern wieder ihre ureigenen Kräfte freisetzt, macht ihn zum Chef, den es auf alle Fälle zu halten gilt,  auch wenn (oder vielleicht gerade weil) er kein Einfacher ist.

Thielemanns Repertoire - von seinen Kritikern oft als zu eng bemängelt - ist genau jenes, mit dem die Philharmoniker zu einem unverwechselbaren, eigenen Ton gefunden haben. Wenn das Traumpaar Bruckner oder Brahms spielt, wenn es Beethoven interpretiert, Strauss huldigt oder mit Französischem liebäugelt - dann ist nicht nur die (Musik-)Welt in Ordnung, dann tut sich zuweilen der Himmel auf. Das geschah bei Richard Strauss' "Rosenkavalier", der nicht nur im Festspielhaus Baden-Baden szenisch aufgeführt wurde, sondern konzertant auch im Gasteig erklang. Eine Sternstunde für München und seinen großen Komponistensohn. Und vor allem fürs Publikum, das sehr wohl erkannt hat, dass hier zwei miteinander musizieren, die zueinander passen. Auch bei Auswärts-Gastspielen ist das so: Christian Thielemann und die Münchner Philharmoniker - das ist eine besondere Marke.

Zugegeben, Thielemann reist nicht gern und das Orchester möchte mehr Tourneen unternehmen. Aber wenn sie gemeinsam unterwegs sind - ob in Asien, in Russland, in Berlin oder Wien - dann geraten die Zuhörer aus dem Häuschen. Und Thielemann, der  Reiseunlustige, verweist auf die geplante Japan-Tour 2010 unter seiner Leitung.

Wo also ist das Problem?  Wie zu hören ist, hat sich in der Intendantenlosen Zeit - Paul Müller ist erst seit einem Jahr da - ein gewisser Schlendrian (ungenehmigte Urlaube) eingeschlichten, sind vielleicht sogar spaltende Kräfte am Werk. Dennoch: Das Gros der Philharmoniker weiß offenbar sehr wohl, was es an seinem GMD hat. Bereits im April gaben die Philharmoniker ein 70 zu 30 Votum für ihren Chef ab. Und die Münchner Musikfreunde wissen es auch. Deshalb sollten sich alle Beteiligten - Thielemann, der in Kürze neu zu wählende Orchestervorstand, Intendant Paul Müller, Kulturreferent Hans-Georg Küppers und die Vertreter der Parteien - rasch zusammensetzen, um eine für alle annehmbare Lösung zu finden. Thielemanns Weggang - immerhin kann er gut mit der Dresdner Staatskapelle, die, nach Fabio Luisis Vertragsende 2012, einen neuen Chef braucht - wäre jedenfalls keine für München. Der zuweilen anklingende Ruf nach einem jungen Chef, der als GMD stark an München zu binden wäre, ist eine riskante Alternative, die nur mit sehr viel Glück zu jenem künstlerischen Erfolg führt, den Thielemann und die Münchner Musiker sich bereits erarbeitet haben.

Thielemann und der Intendant der Münchner Philharmoniker - den vornaligen Intendanten, Wouter Hoekstra, kippte übrigens das Orchester aus dem Amt - müssen sich nicht lieben. Sie sollten sich aber zusammenraufen im Kompetenzgerangel, zusammen arbeiten und zusammen mit ihrem Dienstherrn, der Stadt München, einen Kompromiss finden, der dem Orchester dient und den Publikumswünschen entspricht. Wem würde eine Scheidung nützen? Den Philharmonikern und den Münchner Musikfreunden sicher nicht! 
                 
Gabriele Luster

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