Spiralnebel von Erosklang

Christian Thielemann, Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Die Sächsische Staatskapelle Dresden unter ihrem neuen Chefdirigenten Christian Thielemann auf Antrittsbesuch in Köln

 (Köln, 6. September 2012) Das Kölner Konzert mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden hat, wenn man so will, einen "Vorläufer". 2005 gastierte Thielemann hier mit seinem letzten "festen" Orchester, den Münchner Philharmonikern, und bot damals wie jetzt ein Werk, mit dem er sich als Galionsfigur einer romantisch akzentuierten deutschen Musiktradition bestätigt: Anton Bruckners 7. Sinfonie.

Mit Bruckner hat sich Thielemann in seinen Münchner Jahren verstärkt auseinander gesetzt. Und stand damit in bester Tradition zu seinem Vorvorgänger im Amte Sergiu Celibidache, der sich ebenfalls als Anwalt von Bruckners Schaffen verstand. Während Celi jedoch interpretatorische Objektivität für sich reklamierte, bekennt Thielemann, dass seine Deutungen subjektiv geprägt sind. "Das Entscheidende steht nicht in den Noten", ließ er sich - zugespitzt formulierend - jüngst in einem Interview vernehmen. Eine knappe Woche nach seinem Dresdner Einstandskonzert  als neuer Chef der Staatskapelle führte er im Rahmen einer kleinen Deutschland-Tournee vor, wie das wohl auszulegen sei.

Der 53jährige, aber immer noch enorm jungenhaft wirkende Maestro macht generell nicht auf "Show", ist aber stets ein salopper Gesprächspartner. Er bekennt sich zu Altmeistern wie Wilhelm Furtwängler, Erich Kleiber, Willem Mengelberg oder Bruno Walter (und zu allem, was diese voneinander unterscheidet) sowie generell zur Kapellmeister-Tradition, wie sie beispielsweise von einem Heinrich Hollreiser, Joseph Keilberth, Horst Stein oder Otmar Suitner vertreten wurde. Einen besonderen Lehrmeister fand Thielemann in Hans Hilsdorf, der ihm während der Jahre an der Deutschen Oper Berlin zur Seite stand. "Technisch ist das Dirigieren ja kein Mysterium. Aber wie er am Klavier die Essenz der Musik aus der Partitur oder dem Klavierauszug realisierte - das war genial." Exaltationen à la Bernstein sind Thielemann fremd. Sein Agieren am Pult ist kein Orgasmus, sondern besonnener Körpereinsatz, dem Leidenschaftlichkeit aber durchaus abgelesen werden kann.

Bei Bruckners manchmal wirklich konvulsivischen Steigerungen ließ Thielemann sich dem äußeren Anschein nach nicht selber überwältigen, überwältigte vielmehr die Zuhörer durch präzise agogische und dynamische Weisungen, wobei der meist aufrecht gehaltene Taktstock einer eigenen Betrachtung wert wäre. Nicht immer war dabei verlässlich auszumachen, was abgespeichertes Probenkalkül, was Eingebung des Augenblicks ist. So wie Christian Thielemann von seiner Probenarbeit (etwa in Bayreuth) berichtet, möchte man aber davon ausgehen, dass er seine Musiker lieber am lockeren Zügel führt, ohne es dabei freilich an Herausforderung fehlen zu lassen.

Bruckners katarakthafte Musik ließ der Dirigent markant, aber nicht schroff klingen, er bewahrte ihren melodischen Fluss, klangliche Rundung (vermutlich Erbe seines Mentors Herbert von Karajan), aber auch Bedeutungsschwere im Detail (so bei den gedehnten Pausen). Das Orchester, schon immer mit Wortschöpfungen der besonderen Art gepriesen, bewies sich ungeachtet geringfügiger Missgeschicke in der ansonsten bestechend sicheren Blechbläsergruppe als Klangkörper von großer Formbarkeit und  voluminösem Wohllaut. Faszinierend.

Das Dresdner Konzert am 1. September enthielt noch Orchesterlieder von Hugo Wolf, interpretiert von Renée Fleming. In Köln waren hingegen Vorspiel und Liebestod aus Richard Wagners "Tristan und Isolde" zu hören.  Komplett hat Thielemann diese Oper erstmals in seiner Nürnberger GMD-Zeit (ab 1988)  aufgeführt (später u.a. auch in Wien). Für 2015 erwartet man seine Deutung in Bayreuth, wo Thielemann seit  2000 aktiv ist. "Das Stück hat eine Intensität, die einen zerreißt", äußerte sich der sonst eher cool wirkende Dirigent einmal. Die weitbogigen Crescendi der konzertant zusammen gespannten Piècen (vermisst man beim "Liebestod" wirklich die Singstimme?) ließen diese Äußerung nachvollziehen. Mit knapp einer halben Stunde wirkte dieser "Tristan"-Extrakt im übrigen gedehnt, aber nicht überdehnt. Ein Spiralnebel von Erosklang, von dem sensualistisch mitgehenden Orchester mitunter geradezu wollüstig gesteigert.

Christoph Zimmermann


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