Gegen den Strich oder gegen die Wand?

Christian Thielemann und die Münchner Philharmoniker mit Strauss, Pfitzner und Beethoven

(München, 11. April 2008) Als Wolfgang Sawallisch die Geschicke der Bayerischen Staatsoper leitete, wurde München auch klingenderweise zu dem, was es schon lange war: eine Richard-Strauss-Stadt. Hier wurde der Komponist 1864 geboren, hier empfing er die entscheidenden musikalischen Anregungen, auch wenn er dann wo anders Karriere machte. Sawallisch hievte 1988 in einem Gewaltakt alle Opern von Strauss auf den Spielplan des Nationaltheaters und sorgte auch sonst für Maßstab setzende Interpretationen der Bühnen-Werke.

In Christian Thielemann hat die Münchner Strauss-Pflege einen engagierten Nachfolger gefunden, wenngleich nicht am Opernpult, sondern am Pult der Münchner Philharmoniker. Natürlich steht dabei das Konzertrepertoire im Zentrum, wenngleich Thielemann in der kommenden Saison einen konzertanten "Rosenkavalier" aufführen will (siehe Artikel zum neuen Spielplan der Münchner Philharmoniker auf KlassikInfo.de, einschließlich O-Ton Christian Thielemann).

Mit vier Orchesterliedern ("Freundliche Vision, "Verführung", "Winterweihe" und "Zueignung") sowie zwei Opernszenen aus "Ariadne auf Naxos" ging es beim jüngsten Konzert der Münchner Philharmoniker schon mal in großen Schritten Richtung Oper. Dazu haben sich die Phiharmoniker eine der derzeit gefragtesten Sopranistinnen eingeladen: Renée Fleming.
In der Münchner Philharmonie klang ihre Stimme wunderbar samtig timbriert, in puncto Klangfülle und Artikulation blieb sie aber doch hinter den Erwartungen zurück. Sicher waren auch die Philharmoniker mitunter etwas zu beherzt bei der Sache und überdeckten die gesangliche Linien ein wenig. Auf der anderen Seite gelangen aber auch Passagen ungemein intensiven Miteinanders von Solistin und Orchester, wobei Thielemann die Sopranistin dirigierenderweise geradezu umtänzelte. Die vielen Mikrophone deuteten es an: Das wird wohl eine CD werden. Mal hören, ob man auf ihr mehr vom Text versteht.

Der großen Arie der Ariadne "Es gibt ein Reich.." blieb Fleming aber doch die Tiefe und Größe schuldig. Die erhabene Leidenspose der verlassenen Ariadne konterkarierte sie gesanglich durch die Betonung der hellen Register und optisch durch ein telegenes Dauerlächeln. Wie Fleming generell an diesem Abend auf den plattencovertauglichen optischen Eindruck ihrer Darbietungen ebenso viel Wert zu legen schien wie auf die Musik selbst.

Zu Beginn des Konzerts mit der Ouvertüre zum Schauspiel "Das Käthchen von Heilbronn" ein weiterer Versuch Thielemanns, auf die vergessenen Qualitäten des unseligen Hans Pfitzner aufmerksam zu machen - ein Steckenpferd des Dirigenten. Wenngleich durchaus bewegende musikalische und inhaltliche Momente in diesem Werk enthalten sind und Thielemann und die Philharmoniker diese hingebungsvoll herausstellten - vor allem der Fiebertraum mit dem "glänzenden Cherubim" - enthält die Ouvertüre doch auch manch vordergründig banal Wirkendes, etwa die ganze Militärwelt, die arg preußisch zackig daherkommt.

Der letzte Programmpunkt war leider ein Missverständnis. Auf dem Programm stand Beethovens Achte. Zu hören war aber der Schatten von Beethovens Achter. Thielemann offerierte eine derart manierierte, in die Länge gezogene, auch dynamisch höchst eigentümliche Version dieses Werks, dass man schon fast von einer Bearbeitung denn von einer Interpretationen sprechen muß. Mag sein, dass es Liebhaber einer solchen Lesart gibt, mit dem Geist des Werks jedenfalls hat dieses seltsame Gegen-den-Strich-Bürsten der Musik nicht mehr viel zu tun. Christian Thielemann kann die Fülle des Wohllauts bei Strauss, Wagner und Bruckner ja auskosten so viel er mag, bei Beethoven gibt es doch wohl andere Prämissen. Aber: Auch damit steht der Dirigent erstaunlicherweise in einer Münchner Tradition: Sein Vorvorgänger Sergiu Celibidache war ebenfalls berüchtigt für seinen Beethoven.

Robert Jungwirth