Nachdem zunächst allem Anschein nach wenig sachkundige und überforderte Politiker über die Vertragsverlängerung von Christian Thielemann befunden haben, zerfleddern jetzt zum Teil kaum sachkundigere Journalisten die causa.
Jeder Wichtig-Feuilletonist muss offenbar nun auch noch einen Kommentar dazu loswerden, um vor allem auf sich selbst und seine Wichtigkeit aufmerksam zu machen, wie z.B. Herr Steinfeld, seines Zeichens Literaturchefkritiker der SZ (Ausgabe vom 25./26. Juli).
Steinfeld wollte mal grundsätzlich klarstellen, um was es eigentlich geht. Seiner Ansicht nach ist die Aktion gegen Thielemann völlig in Ordnung, denn eine so tolle Stadt wie München darf sich doch nicht auf der Nase herumtanzen lassen von einem Chefdirigenten, der es wagt, Entscheidungs-Kompetenzen für seine Arbeit mit dem Orchester zu fordern. Ja, wo kämen wir denn da hin.
Dann aber findet Steinfeld es wieder ganz toll, wenn Künstler wie Thielemann so erfrischend unangepasst sind. In seinem reichlich verblasenen Artikel unternimmt er den Versuch, die Stadt München von dem seinerzeit von Thomas Mann geäußerten und jetzt von Akademiepräsent Dieter Borchmeyer im Zusammenhang mit der Causa Thielemann erneuerten Vorwurf der Dummheit freizusprechen. Auch das misslingt.
Vollends daneben aber gerät die Passage, in der sich Steinfeld als Musikkritiker versucht. Musikalisch sei Thielemann ja zwar "oft überzeugend", urteilt er generös, "aber man muss ihn sehen, um zu verstehen, wo hier das Problem liegt. Im Adagio von Bruckners Siebter Symphonie zum Beispiel, wo alles auf einen monumentalen Höhepunkt zuläuft (...) da krümmt sich Christian Thielemann nach vorne, ins Orchester hinein, so als müsse er die Glut in sich bergen, als könne er sie nicht dem Publikum schenken."
So ist das also, daran mangelt es Thielemann. Deshalb also wurde sein Vertrag nicht verlängert, weil er sich so komisch ins Orchester beugt. Na, das muss einem doch mal einer sagen! Das ist ja wirklich mal eine einleuchtende Erklärung, tausend Dank lieber Herr Steinfeld!
Vielleicht sollten wir Musikjournalisten zukünftig nur mehr die Körperhaltungen der Dirigenten für die Bewertung des klanglichen Ergebnisses betrachten...
Und mit einem solchen gequirlten Blödsinn drängt sich Herr Steinfeld auf Seite eins des Feuilletons der SZ! Was sagt uns das über den Zustand dieser Zeitung?
Wenn sich unfähige Politiker mit Dampf plaudernden Journalisten zusammentun, dann kann nicht nur Christian Thielemann einpacken...
Robert Jungwirth