Das perfekte Zusammenwirken von Kopf und Bauch

The Romantic Clarinet
Sharon Kam, Ori Kam
Sinfonia Varsovia, Gregor Bühl
Berlin CLASSICS

Warm, weich, liebevoll, sanft, schwebend, gleichzeitig beschwingt, gefühlvoll, spritzig und ungemein virtuos - all diese Attribute vereint Sharon Kams Klarinettenspiel.
Die israelische Klarinettistin debütierte bereits im Alter von 16 Jahren mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta. Den Internationalen ARD Musikwettbewerb in München gewann sie 1992. Weltweit spielt Sharon Kam seitdem mit wichtigen Orchestern und Dirigenten. Für ihre Aufnahmen - ihre letzten CDs produzierte sie zusammen mit dem Dirigenten (und ihrem Ehemann) Georg Bühl - erhielt sie den "Preis der Deutschen Schallplattenkritik" und zweimal den "Klassik ECHO".

Auf ihrer neuen CD "The Romantic Clarinet", stellt Kam mit Werken von Julius Rietz, Max Bruch und Carl Maria von Weber ein zum Teil kaum bekanntes romantisches Repertoire vor, und demonstriert mit ihrem Spiel, dass die CD diesen Titel absolut zu Recht trägt. Die Vielseitigkeit in der Tongestaltung, Kams weicher und dennoch klarer Ton, ihre Präzision sowie ihr untrügliche Gespür für das Wesen des jeweiligen Werks zeichnen diese CD aus. Sharon Kams Spiel veranschaulicht das perfekte Zusammenwirken von Kopf und Bauch. Technik und Musikalität erfahren bei ihr eine wunderbare Symbiose.

Als Eröffnungswerk ist das nahezu unbekannte Konzert für Klarinette und Orchester g-Moll, op. 29, von Julius Rietz (1812-1877) zu hören. Der Zeitgenosse Mendelssohns, der Symphonien, vier Opern, Ouvertüren, Chorwerke, Lieder, Schauspielmusiken, Kammermusiken und Konzerte schrieb, ist heute weitgehend vergessen. Seine Werke blieben überwiegend unveröffentlicht, wie auch das Klarinettenkonzert dieser CD. Per Internet entdeckte Kam, dass ein Schweizer Laienorchester dieses Konzert mit selbst erstelltem Orchestermaterial gespielt hatte, welches ihr dann zur Verfügung gestellt wurde - die Mühe hat sich gelohnt. Von Mendelssohn beeinflusst, war Julius Rietz ein Anhänger des Klassizismus, was auch in seinem Konzert für Klarinette und Orchester g-Moll op. 29 deutlich wird. Im ersten Satz, einem "Allegro agitato", gibt es einen spannenden Dialog zwischen Klarinette und Orchester.  Im 2. Satz, dem "Adagio", wird etwas lockerer und entspannter musiziert: Forte-piano-Wechsel, schnelle Läufe und Triller der Klarinette prägen die Atmosphäre.
Das "Allegro vivace" schließlich ist der Höhepunkt, nun ist kein Halten mehr. Die Klarinette brilliert mit aberwitzigen Läufen, die Kam vom piano zum forte hin steigert, und das Orchester lässt sich von diesem Sog mitreißen.

Das Konzert für Klarinette, Viola und Orchester e-Moll, op. 88 von Max Bruch (1838-1920), ist nicht minder faszinierend. Das "Andante" beginnt mit einem sehr emotionalen Viola-Einsatz. Der Dialog, der bei Rietz zwischen Klarinette und Orchester stattfand, besteht nun zwischen Klarinette und Viola. Man wird Zeuge eines leidenschaftlichen Spiels zwischen den beiden Instrumenten, die wunderbar harmonieren. Wie in einer Beziehung zwischen zwei Menschen, nähern sie sich an, um sich im nächsten Moment wieder voneinander zu entfernen. Es entsteht eine wunderbar Balance von Nähe und Distanz. Ori Kam, Sharon Kams jüngerer Bruder, steht seiner Schwester mit seinem warmen und dennoch virtuosen Violaspiel nicht nach. Das Orchester liefert dazu die perfekte Untermalung und durch Anklänge an schwedische Volksweisen im ersten und zweiten Satz ("Allegro moderato") wird das Werk auch noch nostalgisch unterfüttert.

Carl Maria von Webers (1786-1826) Quintett für Klarinette und Streichquartett B-Dur, op. 34, stellt die Klarinette dagegen ganz klar in den Mittelpunkt. Mit zahllosen Läufen und Sprüngen schwebt sie geradezu über den Streichern. Ist das "Allegro" von großer Virtuosität gekennzeichnet, kommt in der "Fantasia" eine gewisse Ernsthaftigkeit und Dramatik zum Tragen. Ausgelassen und temporeich "rast" die Klarinette im Schlußsatz über alles hinweg, als wäre sie auf der Jagd. Ein grandioses Finale!

Mit der CD "The Romantic Clarinet" ist Sharon Kam ein absoluter Volltreffer gelungen.

Annette Lowack

 

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