Kenneth Branagh gelingt nach einem halben Dutzend exzellenter Shakespeare-Verfilmungen eine packende, fantasievolle Leinwandversion von Mozarts "Zauberflöte"
Niemand, der diese Szene gesehen hat, wird sie jemals wieder vergessen: Wie sich am Ende von Lewis Milestones Antikriegsfilm "Im Westen nichts Neues" (USA 1930) ein Arm weit aus dem Schützengraben lehnt, um einen Schmetterling zu fassen, plötzlich aus dem Off ein Schuss ertönt und die Hand der Hauptfigur im Sterben erschlafft!
Kenneth Branagh zitiert dieses Bild zu Beginn seiner Verfilmung von Mozarts "Zauberflöte" nicht ohne Grund präzise bis in die Einstellung hinein - nur dass Tamino ein Vergißmeinnicht pflückt und am Leben bleibt. Tamino-Darsteller Joseph Kaiser, der im Sommer 2007 ein grandioser Lenski im Salzburger "Eugen Onegin" war und im Herbst an der Seite von Anna Netrebko in "Roméo et Juliette" mit großem Erfolg an der MET debütierte, bezeichnet denn auch diesen Beginn als eine seiner beiden Lieblingsszenen im Film - neben dem Schluss, wenn er inmitten ausgelassen feiernder Menschen einen kleinen Jungen auf dem Arm trägt: seinen eigenen dreijährigen Sohn.
Doch zwischen diesen beiden Polen der Hoffnung und der Zuversicht inszeniert der Schauspieler und Filmregisseur Branagh - unter anderem mit "Henry V." (1989), "Viel Lärm um nichts" (1993), "Hamlet" (1996), "Verlor'ne Liebesmüh' (2000), "Wie es euch gefällt" (2006) und dem gerade in den deutschen Kinos angelaufenen Zwei-Personen-Thriller "1 Mord für 2" mit Michael Caine und Jude Law - die "Zauberflöte" als Menschheitsdrama in einem imaginären Krieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Nichts weniger als die ganze Welt muss Tamino dabei in letzter Sekunde vor dem Untergang retten, denn die "Blauhelme" Sarastros stehen den "Roten" der Königin der Nacht auf einem computergenerierten, von Schützengräben durchzogenen Schlachtfeld zum letzten Gefecht gegenüber: Die Königin rauscht in Leder auf einem Panzer herein, blendet per Scheinwerfer Tamino und lässt in ihrer zweiten Arie gar Pamina auf ein Feuerrad binden. Taminos Kampf mit der Schlange ist ein Giftgasangriff im Schützengraben; rettende Krankenschwestern sind die Drei Damen (ein wunderbares Terzett: Tenta Koco, Louise Callinan, Kim-Marie Woodhouse); auf dem Schlachtfeld verbrüdern sich für Momente die Kriegsparteien unter einem improvisierten Christbaum, während es schneit; zur Bildnis-Arie imaginiert Tamino den Tanz mit Pamina in Abendrobe auf einem Ball; Feuer- und Wasserprobe geraten zum spektakulären Showdown und am Ende ergrünt die vom Krieg verbrannte Erde wieder wie von Geisterhand.
Realismus und Utopie, Klamauk und tiefer Ernst, Intimität und Theatralik - diese "Magic Flute" hat von allem etwas und ist doch kein Patchwork. Denn wenn Branagh den Schauplatz oder die Perspektive innerhalb einer Arie wechselt, wenn er wilde Zooms und Kamerafahrten wählt, dann geschieht das nie gegen die Musik, wie so oft in Joseph Loseys "Don Giovanni", der sich 1979 in dekorativer Zurschaustellung der Palladio-Villen im Veneto erging. Manchmal ist die Schwerkraft aufgehoben wie in asiatischen Martial-Arts-Filmen, dann wirbelt die Königin ebenso durch die Luft wie Papageno; auch Slowmotion und Zeitraffer werden eingesetzt, doch ohne zum Selbstzweck zu verkommen.