Alexandre Tharaud enthebt Scarlatti aller Erdenschwere
Auch wenn den Sonaten Domenico Scarlattis der Glamour der großen Werke des Klavierrepertoires fehlt, so gab es doch immer wieder hochrangige Pianisten (und Komponisten), die diese einsätzigen Kleinode sehr schätzten. Darunter Frederic Chopin, Hans von Bülow oder Vladimir Horowitz.
Chopin verwendete Scarlattis Sonaten nicht nur als Unterrichtsstücke, er bescheinigte ihnen auch "ein gehöriges Maß an geistiger Erhabenheit. Wenn ich nicht befürchten müßte, dass zahlreiche Narren die Nase rümpfen, ich würde Scarlatti in meinen Konzerten spielen."
Wie schon bei Alexandre Tharauds fantastischem Couperin-Album, so hat man auch hier den Eindruck, das Klavier sei seiner Erdenschwere ganz enthoben. Die Klänge scheinen nichts mehr mit dem massiven Instrument zu tun zu haben, aus dem sie kommen. Sie schwirren, flirren und sprudeln geradezu schwerelos einher. Die Leichtigkeit und Grazilität, die Tharaud diesen Sonaten entlockt, ist schlichtweg bezaubernd. Das gilt für die getragenen Lamenti nicht minder wie für die geradezu übermütigen Allegro- oder Presto-Sonaten.
Vielleicht kommt diese Entrücktheit der Klänge ja auch daher, dass Tharaud sie in den Schweizer Bergen auf 1000 Metern Höhe aufgenommen hat. Wie auch immer - die 18 Sonaten, die Tharaud für seine neue CD ausgewählt hat (aus über 500) zeigen ein weiteres Mal die außergewöhnliche Begabung des Franzosen gerade für das Repertoire des Barock und seine derzeit wohl konkurrenzlose Fähigkeit, diese Musik aus einem modernen Flügel schweben zu lassen.
Robert Jungwirth