Mit den Ohren unterwegs

Alexandre Tharaud: Frédéric Chopin "Journal  Intime" - Virgin Classics

Die Mazurka in cis-moll von Frédéric Chopin ist eine Spieluhrmusik, ein zögerliches Um-sich-Kreisen und Drehen, vorwärts, dann angehalten und wieder aufgezogen.  
Alexandre Tharaud mag sich nicht so recht entscheiden, ob er sich dem Wiegen des Tanzes anvertrauen oder es reflexierend ausbremsen soll. Im Booklet seines privaten Chopintagebuchs "Journal Intime" findet sich denn auch das von Liszt passende Zitat für solche Spielmanier: "Sehen Sie diese Bäume, der Wind spielt in den Blättern, doch der Baum bewegt sich nicht. Das ist das Chopin'sche Rubato."

Auch in der ersten und zweiten Ballade bleibt der Baum fest stehen, trotz heftigeren Rüttelns und Zerrens. Ebenso wie in vier weiteren Mazurken, drei Ecossaises op.72, der Fantasie in f-moll sowie der Fantaisie-Impromptu op. 66. Insgesamt sehr unterschiedliche Werke, die Alexandre Tharaud als seine persönlichen Wegbegleiter auf der Suche nach Chopin aufgenommen hat. Eine Suche, die in früher Kindheit begonnen hat: familiäre Erinnerungen an die Chopinplatten seiner Eltern, Lampenfiebererlebnisse mit naßkalten Händen vor Auftritten und Wettbewerben. Nach zwei Chopin-CDs mit den Préludes und den Walzern erzählt der Pianist als Experte für den feinen und intimen Ton nun auch Privates aus seinem Leben - die Homestory zur CD. "Bei der Beerdigung eines Angehörigen hörte ich die Orgel einen erschütternden Trauermarsch spielen, später erfuhr ich, und zu meinem Erstaunen, daß es das Largo in c-moll war, ein nahezu unbekanntes Stück, dessen Originalversion für Klavier geschrieben ist."
Sicher hätten Tharauds Interpretationen auch ohne die persönlichen Fußnoten seines musikalischen Tagebuchs Bestand. Sie äußern sich in einer glühend poetischen Ausstrahlung, die den dramatischen Chopin gleißend und wuchtig inszeniert, wie sie den dämmernden Exilpolen ins Halblicht rückt. Das Formfreie erleben wir in der 2. Ballade als das Belauschen einer inneren Dramaturgie, die Chopins scheinbare Brüche integriert. Überhaupt ist Alexandre Tharaud genauso mit seinen Ohren unterwegs wie mit seinen Fingern. Dieses bemerkenswertes Talent ließ sich bereits in Tharauds Couperin-Album, in seinen Ravel- und Bacheinspielungen sowie als Duopartner des Cellisten Jean-Guihen Queyras erleben.

Tharauds Spiel ist anmutig und klug, als Nebenstimmenakrobat schenkt er schlichten Begleitfiguren charakteristische Erdigkeit, gesunder Humus für wunderbar kristallines Diskantgeflüster. Das größte Kompliment, das man dieser Einspielung machen kann: Sie ist nicht gefällig und herzig, nicht sinnlich überfrachtet, noch transzendent überhöht. Über die ein oder andere Auffassung des Rubatos, des Dehnens und Stauchens könnte man diskutieren, doch unterstreicht Tharaud damit seine sehr persönliche Haltung. Ein gelungener Beitrag zum Chopinjahr 2010.

Julia Schölzel

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