Christoph Willibald Glucks "Telemaco" ist 1765 am Wiener Burgtheater anlässlich einer Habsburgerheirat (Josef II.) uraufgeführt worden und danach fast 140 Jahre in Vergessenheit geraten. 2003 wurde sie wiederentdeckt, voriges Jahr war sie in Schwetzingen zu sehen. Nun ist Odysseus´ Sohn Telemaco glücklich nach Wien zurückgekehrt. Gott sei Dank!
(Wien, 19. Februar 2012) Und überhaupt: Mögen auch die politischen Zeichen in der Wienerstadt noch so sehr auf Korruption stehen, dass einem die Aufregung um Wulff als Lappalie erschein - in musikalischer Hinsicht ist die Stadt nicht zu verachten. Darum soll - bevor die Geschichte von Telemaco erzählt wird - ein bisschen herumgeleuchtet werden: Am Freitag spielte Hillary Hahn Schönbergs Violinkonzert mit geradezu elfenhaft schlankem Ton und Peter Eötvös führte das ORF Rundfunkorchester bei den Orchesterstücken op. 16 ins Wunderland der Schönbergschen Klangfarbenmelodien. Am Samstag feierte Lorin Maazel sein 50jähriges Wiener-Philharmoniker-Jubiläum und erteilte im philharmonischen Abo-Konzert mit drei (!) Sibelius-Symphonien (1, 5, 7) eine neue Lektion in puncto unerreichter Schlagkultur. Da stellt sich die Frage überhaupt nicht, ob man seine breite und doch unpathetische Und-ewig-singen-die Wälder-Sicht auf die Musik nun mag oder nicht.
Am Sonntag stand René Jacobs im Theater an der Wien bei Glucks "Dramma per musica" am Pult. War das packend! Nicht nur weil die Musik große dramatische Qualität besitzt, sondern weil der Dirigent mit Feuereifer, gepaart mit großem Wissen, bei der Sache war, die Sänger ihr Bestes gaben und ein von einem guten Dramaturgen (Herbert Schäfer) beratener Torsten Fischer ein stimmiges Regiekonzept für eine Oper fand, die einige Fallgruben parat hält.
Wer kennt denn heute noch die im 18. Jahrhundert geläufige Geschichte von Odysseus' Sohn, der - von Neptun verflucht - auf genau dieselben Insel Ogygia gespült wird, wie sein Vater? Damals - 1765 - war das bei den Opernbesuchern Bildungsschatz: Man kannte den Stoff von Alessandro Scarlattis 1718 für Rom komponierter "Telemaco"-Oper oder als Bildungsroman ("Les Aventure de Telemache, fils d'Ulysse") aus der Feder Francois Fenelons. Heute muss man das miterzählen: Darum beginnt die Oper im Theater an der Wien mit einer Rückblende, die das an dieser Stelle vorgesehene Ballett ersetzt: Wir sehen Odysseus' Abreise aus Ithaka, seine Landung auf Circes Insel und das Sich-Verlieben in die Zauberin. Andere Eingriffe haben sich wohl angeboten, um die Geschichte nacherzählbar zu machen. Denn das Libretto hat seine Schwächen, enthält Schematisches, lässt vieles unausgeführt.
"Telemaco" ist eine barockisierte Geschichte, basierend auf spätantiken Quellen, die an Homers Erzählung anknüpfen. Die Grundkonstellation - vermeintlich starker Vater, schwacher Sohn - kennen wir die nicht von irgendwo? Zum 15 Jahre später entstandenen mozartischen "Idomeneo" gibt es auch andere unteridische Verbindungen - Neptun, der Schutzgott Trojas, rächt in beiden Fällen an Vater und Sohn das blutige Gemetzel an den Bewohnern der zerstörten kleinasiatischen Stadt - und musikalische Parallelen zwischen der wilden Zauberin Circe (von deren Macht noch Bacchus in Richard Strauss' "Ariadne" zu erzählen weiß) und der rachebesessenen Mozart'schen Elektra.
Das Libretto mag Schwächen haben; nicht zu bezweifeln ist hingegen die musikalische Qualität der Oper. Gewiss gibt es auch da Schematisches, wie in einigen Arien des Ulisse, aber die werden mehr als aufgewogen durch die wunderbar volksliedhaften Passagen in den Arien der in Telemaco verliebten Nymphe Asteria, die sich am Schluss als entführte Schwester des kretischen Prinzen Merione (bei Mozart heißt der dann Idamante) erweist, und geradezu Burschikoses in den Arien des Merione. Mit Sicherheit kann man sagen: Diese Musik ist an ihren starken Stellen schon viel näher beim jungen Mozart als beim späten Barock. Und der junge Mozart hat bei Gluck in Paris genau hingehört, wäre ohne den großen Reformer gar nicht möglich gewesen.
Um das hörbar zu machen, bedarf es freilich auch eines so begnadeten wie furiosen Vollblutmusikers wie René Jacobs, der die Berliner Akademie für Alte Musik zuweilen an die Grenze des gerade noch rasant Spielbaren vorantreibt, im Ton gradaus, dynamisch und geradezu farbenfroh, mit Pauken, Donnerblechen und Trompeten. So einfach konnte damals ein Gluck mit dem Orchester Effekt erzielen. Und mit dem klein gehaltenen Chor: Was sind da für unendlich traurige und tragische, aber auch hoffnungsfrohe Chöre in dieser Oper zu hören, die zumal mit dem Arnold Schoenberg Chor eine atemberaubende Kraft und Schönheit entfalten!
Das musikalische Konzept geht auch deshalb auf, weil die SängerInnen typengerecht besetzt sind. Bejun Mehta ist - man ist versucht, zu sagen: wie immer - von zwingender Bühnenpräsenz, zu der vor allem seine makellos und sicher geführte Stimme beiträgt. Ihm ebenbürtig ist Alexandrina Pendatchanska als virtuose, durchschlagskräftige Circe eine wahre Königin der Finsternis und Rache. Ganz jugendlich und paminenhaft präsentiert sich die in Telemaco verliebte Asteria (Valentina Farcas) in ihren lyrischen Liedern - und es sind vom Tonfall her "deutsche" Lieder und keine Arien - ; angriffig und burschikos tritt Merione (Anett Fritsch), der Sohn des kretischen Königs Idomeneo auf.
Rainer Trost verleiht dem Ulisse viele Farben, depressive (am Anfang) ebenso wie heroische. Das Pünktchen am Opern-I ist die hinzuerfundene (auch als Orakel auftretende und deutsch sprechende) Penelope (Anna Franziska Srna), die mit einem zweiten Kind-Telemaco auftritt. Sie macht die ganze Geschichte uns Heutigen erst verständlich.
Torsten Fischers Regie ist von der Umsetzung her nicht übermäßig aufregend, in der Personenführung etwas hölzern und baut auf durchschaubare kleinpathetische Gesten. Den Rest macht die Musik. Als Ambiente genügt dem Regisseur ein klares, geometrisches Bühnenbild, das - auf eine große kreisrunde und bewegliche Scheibe und einen als Plafond angebrachten Großspiegel reduziert - akkurat auf das von Diego Leetz klug erdachte Licht reagiert. So sind handlungsbeschleunigende, rasche und flexible Szenenwechsel garantiert. Ebenso klar konzipiert, wenn auch im Prinzip nicht neu, aber sorgfältig und schön gearbeitet sind die Kostüme (Ausstattung Vasilis Triantafillopoulos und Herbert Schäfer, der - wie erwähnt - auch die Dramaturgie über hatte).
Man merkt es vom ersten Augenblick: Da war gut eingespieltes Team am Werk. Das Ergebnis kann sich hören und sehen lassen, zumal es Fischer zur Schlussmusik gelingt, die vielen Handlungsstränge, die sich angesammelt haben, in Nicht-Wohlgefallen aufzulösen: Circe bleibt verlassen zurück, die Versöhnung Odysseus - Penelope bleibt in Zweifel und die Verbindung zwischen Telemaco und Asteria kommt nicht zustande. Für Thorsten Fischer ist das Ganze "eine unendlich traurige Geschichte". Alle sind ins Unglück gestürzt. Nur die zwei kretischen Geschwister haben sich wiedergefunden. Ein schwacher Trost, fürwahr, den bei der habsburgischen Uraufführung der deus ex machina vom Barockdienst ausbaden durfte.
Derek Weber