Tanz in Deutschland - Rückblick 2008 und Vorschau 2009
Das vergangene Tanzjahr in Deutschland stand - neben mehrteiligen Ballettabenden, wie sie in zahlreichen Kompanien repertoireüblich sind - ganz im Zeichen von Drama und Literatur. Ray Barra verlegte seine Karlsruher Carmen nach der Novelle von Prosper Mérimée in die Zeit um 1910, eine Zeit bitterster Armut und härtester sozialer Verwerfungen besonders in Andalusien. Carmens Seele erforschte am Staatstheater Braunschweig auch die dortige Tanztheaterchefin Eva-Maria Lerchenberg-Thöny und bediente sich dazu zweier gegensätzlicher Rollenträgerinnen. Im Show-Down der Leidenschaft Carmens (einmal sanft/sehnsüchtig/verführerisch, einmal gewalttätig/aggressiv/herzlos) für Don José (eine Umgewichtung der Choreografin) wird dieser am Ende zu Tode getanzt.
Während Berlin mit Premieren wie Glories of the Romantic Ballett, La Sylphide und With/out Tutu vor allem Ballettgeschichte zelebrierte, triumphierten andere große Kompanien mit Shakespeare-Adaptionen: München mit Lucia Lacarra als fulminantem Luftgeist Ariel in dem neoklassisch angelegten Handlungsballett Der Sturm von Jörg Mannes (Ballettdirektor in Hannover); Stuttgart mit der Uraufführung Hamlet von Kevin O'Day (Tanzchef in Mannheim) - einer rastlos intensiven Aneinanderreihung aller wichtigen Szenen der wortgewaltigen Vorlage, die ein in Bestform agierender Jason Reilly bei der Premiere überzeugend zusammenhielt, obwohl der Choreograf ihm leider zu wenig Gelegenheit einräumte, die vielen inneren Kämpfe bzw. Verhaltens-Schwankungen der Figur auszuspielen. Wie das zu schaffen ist, zeigte John Neumeier in der Neueinstudierung seines Othello aus dem Jahr 1985. Der dunkelhäutige Kubaner Amilcar Moret Gonzalez meisterte darin die bisher größte Herausforderung seiner Tänzerkarriere. Am 24. April feierte das Tanzdrama dann beim Stuttgarter Ballett seine umjubelte Erstaufführung, mit Katja Wünsche (Desdemona), Jason Reilly (Othello), Sue Jin Kang (Emilia) und Marijn Rademaker (Jago) in den Hauptrollen. Im neuen Jahr steht bei der Kompanie eine Gala zum 60. Geburtstag von Ballettintendant Reid Andersen (1. April) sowie ein dreiteiliger Abend mit neuen Stücken von Marco Goecke, Douglas Lee und Edward Clug (29. April) auf dem Programm. Letzterer leitet das Ballettensemble des Slowenischen Staatstheaters in Maribor.
Stuttgarts Hauschoreograf Christian Spuck wagte zum Abschied von Ballettdirektor Martin Puttke eine Ballettkomödie für das Aalto Ballett Theater Essen. Nach dem gleichnamigen Lustspiel von Georg Büchner gelang ihm Leonce und Lena fabelhaft heiter und hintergründig! Stephan Thoss dagegen gewann sein Wiesbadener Publikum mit dem düsteren Abendfüller Prof. Unrat, dem Heinrich Manns Gesellschaftsdrama Der blaue Engel zugrunde liegt. In Regensburg überraschte Ballettdirektor Olaf Schmid: Er hatte die Erlaubnis bekommen, Gabriel García Márquez' Bestseller Hundert Jahre Einsamkeit für sein Ensemble in ein Tanzstück zu verwandeln. Nach einer Buch-Vorlage von Michael Ende will er im April ein phantastisches Ballett Der Spiegel im Spiegel vorstellen.
Lion Feuchtwangers Roman inspirierte Youri Vàmos zu seinem Düsseldorfer Ballett La fermosa. Die Jüdin von Toledo. In seinem letzten Jahr als Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein will er neben dem russischen Klassiker Spartakus mit Julien Sorel Stendhals Roman Rot und Schwarz als Ballett herausbringen. Tomasz Kajdanski erarbeitete in Eisenach Henri Ibsens Peer Gynt, musste aufgrund finanzieller und personeller Einsparungen jedoch viele Kompromisse eingehen. Ein Riesenerfolg wurde das Peer Gynt-Ballett von Heinz Spoerli (Zürich). Nicht nur dafür erhält der Choreograf am 21. März 2009 den Deutschen Tanzpreis.
Erwähnt sei noch Augsburg, wo Robert Conn als neuer Leiter des Balletts mit Choreografieaufträgen für seine Tänzer Aufmerksamkeit erregte und Nürnberg, wo mit dem getanzten Politmemorandum Nächster Halt: Freiheit! die Ära der Tanzchefin Daniela Kurz zu Ende ging. Ihr Nachfolger Goyo Montero bringt im Februar Shakespeares Liebestragödie Romeo und Julia heraus, bevor er im Juli unter dem Titel Desde Otello dem Phänomen zwischengeschlechtlicher Gewalt auf den Grund geht. William Forsythes Choreographie Yes we can't am Festspielhaus Hellerau (Dresden) wurde mit dem Deutschen Theaterpreis "Faust" ausgezeichnet. Eine Anerkennung, die auch dem Berliner Tänzer Kenji Takagi vom Tanztheater Wuppertal zuteil wurde: Er begeisterte die Jury mit seinem Solo in Bamboo Blues, Pina Bauschs jüngster Kreation über Indien.
Maurizio Bigonzettis Caravaggio für und mit Vladimir Makakhov in der Titelpartie feiert Anfang Dezember Premiere. Im Juni wird der Ballettchef und Startänzer in einer Kreation von Patrice Bart (Das flammende Herz) dem Leben des Dichters Percy Shelley nachspüren. Für den 26. April planen die Berliner die Deutsche Erstaufführung von Angelin Preljocajs Schneewittchen. Das Leipziger Ballett nimmt im Haydn-Jahr dessen Oratorium Die Schöpfung von Uwe Scholz wieder auf und setzt sein erfolgreiches Strawinsky-Projekt in einer zweiten Ausgabe mit Balanchines Agon, Petrouschka (Paul Chalmer) und Les Noces (Bigonzetti) fort.
Serge Diaghilews legendären Ballets Russes widmen Hamburg und München (begleitet von zwei großen Ausstellung) die neue Spielzeit. So kann man im Sommer außer einer Rekonstruktion von Nijinskys Le Sacre du Printemps Neumeiers Neuschöpfungen von Le Sacre, Daphnis und Chloë, Der Nachmittag eines Fauns und Josephs Legende sowie seine grandiose Biografie-Vision Nijinsky erleben. Münchens Ballettchef Ivan Liska präsentiert ab Dezember Fokins Shéhérezade, Les Biches von Bronislawa Nijinsky und als Uraufführung Terence Kohlers Once Upon An Ever After. Mit größter Spannung wird hier jedoch zur Eröffnung der Ballettwoche am 3. Mai 2009 eine einzigartige, spektakuläre Kreation von Jiří Kylián zum 20-jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts erwartet: Zugvögel.
Vesna Mlakar