Tanja Tetzlaff und Carolin Widmann spielen Rihm und Schumann mit der Kammerphilharmonie Bremen - zu Gast in Köln
(Köln, 17. Juni 2012) Mitunter sitzt Tanja Tetzlaff noch am ersten Cellopult der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Das wird freilich nicht mitgerechnet, wenn im Programmheft von KölnMusik der letzte Auftritt eines Künstlers vor Ort erwähnt wird. In Tanja Tetzlaffs Karriere dominiert nun in der Tat die Solistin bzw. die Kammermusikerin. Beim jüngsten Konzert der Bremer spielte sie unter Leitung von Jonathan Stockhammer das einsätzige Cellokonzert von Wolfgang Rihm. Es wurde vom gleichen Orchester unter der Stabführung von Paavo Järvi bei den Salzburger Festspielen 2006 aus der Taufe gehoben (Solist war der Widmungsträger Steven Isserlis) und ein Jahr später unter Peter Ruzicka aufgenommen - diesmal mit Tanja Tetzlaff, die auch die deutsche Erstaufführung in Bremen bestritt. Grandios spielte die Cellistin auch jetzt, souverän auch bei den vielen Passagen extrem nah am Steg. Über das Konzert urteilte sie selbst: "Schwer zu spielen..., (aber) ganz 'cellistisch' im Sinne der weitgeschwungenen Linien und der Ausdrucksbandbreite." In jedem Fall darf man dankbar sein, dass bei diesem Komponisten der Rückgriff auf Tradiertes nicht als musikalische Sünde gilt.
Robert Schumann wiederum war für viele - zumal in späten Jahren - seiner Zeit voraus, beim Violinkonzert vermutete der Geiger Joseph Joachim überdies ein "kränkelndes Grübeln". Und dass sich die manuellen Herausforderungen am Schluss (ähnlich wie im Falle Rihms) häufen, ist wohl mitverantwortlich dafür, dass die Uraufführung des Werkes erst 1937 stattfand (Georg Kulenkampff, Berliner Philharmoniker unter Karl Böhm - die 2 Jahre später entstandene Plattenaufnahme dirigierte Hans Schmidt-Isserstedt). Gleichwohl wagte Carolin Widmann, das Werk in der Kölner Philharmonie ohne Dirigenten zu geben, was hohe Musikalität und enorme Konzentration voraussetzt. Doch weder der Solistin noch dem Orchester waren Verkrampfungen anzumerken. Gespielt wurde vielmehr ausgesprochen locker, ja elegant, von dem etwas erdhaft genommenen Finalsatz abgesehen. Widmanns kraftvoller, aber nicht harter Bogenstrich, ihre romantisch blühende Formulierung melodischer Verläufe und die überlegene Bewältigung grifftechnischer Hürden waren jede Bewunderung wert.
Ansonsten schwang der alterte, sicher steuernde Jonathan Stockhammer den Taktstock. Der in Los Angeles geborene Musiker kam erst nach dem Studium des Chinesischen und der Politologie zur Musik, hatte dann mehrfach Einspringer-Glück und dirigiert inzwischen viele renommierte Klangkörper. Stockhammers Repertoire ist breit gefächert, erkennbar wird aber eine Affinität zur Musik der Gegenwart, wobei nicht zuletzt die Werke von Wolfgang Rihm zu nennen sind, u.a. 2009 die Uraufführung von "Proserpina" mit dem RSO Stuttgart, im gleichen Jahr "Deus Passus" in Strasbourg mit dem gleichen Orchester. In Köln eröffnete er vor einigen Wochen das Festival ACHT BRÜCKEN.
Von einer Verengung des musikalischen Blickwinkels ist deswegen aber mitnichten zu reden, auch nicht von Spezialisieren. In der Philharmonie begann das Konzert mit der Sinfonie Nr. 20 von Joseph Haydn, die während der frühen Esterhazy-Jahre entstand. Noch hält sich die späte Experimentierfreudigkeit des Komponisten hier in Grenzen, aber er wagt mit Pauken und Trompeten eine "große" Besetzung, welche ihm normalerweise nicht zur Verfügung stand. Stockhammer, ein gestisch sehr lebendiger, ja offensiver Interpret, ließ den C-Dur-Glanz der Musik festlich und mit dynamischer Attacke ausspielen. Zuletzt gestaltete er die sog. Haydn-Variationen von Johannes Brahms, wiederum mit großem Aplomb, aber auch mit feiner Ausleuchtung der reichen Koloristik. Das Orchester zeigte sich in bester Spiellaune, bezwang zudem mit seiner schon oft erlebten Präzision, welche aber nicht den weiten Atem des Musizierens behindert. Schöne Zugabe: Mittelsatz aus dem Brahms-Doppelkonzert mit den beiden Solistinnen des Abends, nunmehr gemeinsam.
Christoph Zimmermann