Tannhäusers Nacht

Christian Gerhaher und Johan Botha Foto: Wiener Staatsoper / Axel Zeininger.

Claus Guth gab mit Wagners "Tannhäuser" seinen Einstand an der Wiener Staatsoper. Der zukünftige GMD Franz Welser-Möst hatte die musikalische Leitung

(Wien, 16. Juni 2010) Wenn Christian Gerhaher, der Wiener Wolfram, "O Du mein holder Abendstern" singt, dann hat man den ganzen Abend darauf gewartet - nicht, weil die andern Sänger enttäuscht hätten, im Gegenteil, aber Gerhaher überragt selbst dieses ausgezeichnete Ensemble um Längen.

Da sitzt er also in einem Krankenzimmer mit Jugendstildekor und hält sich resigniert eine Pistole an die Schläfe. Wolframs Selbstmordgedanken haben allen Grund. Im Nebenzimmer liegt Tannhäuser halluzinierend im Bett, offenbar wahnsinnig; Elisabeth hat sich gerade eine Überdosis Schlaftabletten in den Mund gestopft. Regisseur Claus Guth hat die Handlung ins Wien der Jahrhundertwende verlegt. Jetzt, im dritten Akt, befinden wir uns im Irrenhaus, genauer gesagt in Wien-Steinhof, wo der Jugendstil-Architekt Otto Wagner ein berühmtes Spital für psychisch Kranke errichtet hat. Gerade ist der Pilgerchor von dannen gezogen, eine irre Schar zuckender Gestalten in Anstaltskleidung, die gemeinsam ihren Wahnvorstellungen von göttlicher Erlösung frönen, fürsorglich geleitet von Ärzten und Krankenschwestern. Ausstatter Christian Schmidt hat reale Räume zum Vorbild seiner Bühnenbilder genommen: Die Hofgesellschaft trifft Tannhäuser im ersten Akt nicht im Thüringer Wald, sondern vor dem Hotel Orient, einem bekannten Wiener Stundenhotel der Belle Epoque, und das Sängerfest im zweiten Akt spielt im prächtigen Schwindfoyer der Wiener Oper. Doch natürlich geht es Claus Guth keineswegs um Realismus - im Gegenteil. Als treuer Sigmund-Freud-Verehrer nutzt er die Belle Epoque nur zur Beschwörung einer Atmosphäre: Die Psychoanalyse und Arthur Schnitzler lassen grüßen. Guth inszeniert diesen Wiener Tannhäuser als Künstler-Alptraum auf der Schwelle zum Wahnsinn. Doppelgänger spuken, verwunschene Spiegel führen in düstere Traumsequenzen mit schwarzen Kutten, Rückwärtsgehen in Zeitlupe, Trockeneisnebel.

Dass bei dieser Konzeption jede Menge Unstimmigkeiten zwischen Text und Szene entstehen, macht nichts, das ist ja der Vorteil einer surrealen Traumsequenz, dass sie nicht logisch sein muss; dass einige szenische Durststrecken und wohlbekannte Versatzstücke aus anderen Guth-Inszenierungen auftauchen, kann man verschmerzen: kein Wurf, aber gewiss keine schlechte Arbeit. Die Wiener allerdings empfangen das Regie-Team mit wütendem Buhsturm. Sänger und Dirigent dagegen werden frenetisch gefeiert.

Das Staatsopernorchester, besser bekannt als Wiener Philharmoniker, spielt stellenweise erstaunlich unsauber. Sein künftiger Chef Franz Welser-Möst gerät die Ouvertüre ein wenig uninspiriert, dann überzeugt er mit natürlichem Erzählfluss und dramatischem Impetus, manchmal allerdings einen Tick zu laut.

Anja Kampe als Elisabeth singt innig und gut fokussiert, Michaela Schuster ist eine farbige, mühelos präsente Venus. Enttäuschend Johan Botha als Tannhäuser. Seine schauspielerische Unbeholfenheit ist ein echtes Problem, und sein strahlend-metallisches Timbre erweist sich als unflexibel: das klingt gut, aber immer gleich. Genau das Gegenteil ist bei Christian Gerhaher zu erleben: Hier gestaltet ein schauspielerisch brillanter Sängerdarsteller in jedem Takt die Spannung zwischen Wort und Ton, mit fantastischer Verständlichkeit, intensiver Körperspannung, reichen Farben, leuchtendem Piano und betörender Stimme. Gerhaher ist ein Glücksfall, sein Wolfram ist ein Ereignis.
Bernhard Neuhoff