Wiedereröffnung des Opernhauses Lüttich mit César Francks Jugendwerk "Stradella"
(Lüttich, im Herbst 2012) Ganze 27 Millionen Euro gab man im nicht gerade im Geld schwimmenden Belgien für eine Generalüberholung aus. Die Königliche Oper der Wallonie in Lüttich wurde mit den Millionen auf den Kopf gestellt. Das altehrwürdige Haus brauchte dringend eine Renovierung. Mit Hilfe des Staates und der Stadt konnte die Geldsumme dafür aufgebracht werden. Zwei Jahre und vier Monate wurde nicht nur restauriert, inklusive des Wiederauffrischens der monumentalen Deckenfresken, sondern auch modernisiert. Dank des Einbaus neuer Bühnentechnologien bietet das Opernhaus in Lüttich heute die technisch modernste Bühne Belgiens. Gleichzeitig wurde der Bühnenraum ausgebaut, so dass heute die historische Fassade des Theaters von Lüttich von einem kastenförmigen Überbau überragt wird. Kein schöner Überbau, aber sinnvoll für die Unterbringung der Bühnenbildtechnik. Und so zeigte man bei der feierlichen Einweihung der alten-neuen Oper von Lüttich, in Anwesenheit des Königssohns und seiner Frau, was diese neue Technik so alles hergibt.
Lüttich ist nicht nur die Geburtsstadt des Komponisten André-Modeste Grétry, sondern auch César Francks. Und so wählte Intendant Stefano Mazzonis, ein gebürtiger Italiener, ein Jugendwerk Francks für die Wiedereröffnung seines Hauses aus. Eine mutige Entscheidung.
Die Partitur zur Oper "Stradella" schrieb Franck 1837 mit nur 18 Jahren. Ein Werk, das bisher noch nie aufgeführt wurde. Mazzonis gelang also zur Wiedereröffnung des Theaters ein musikalischer Coup, der neugierig machte, auch wenn von vornherein klar war, dass nicht alle jungen Komponisten wie Mozart Geniales zu bieten haben.
"Stradella" ist eine Oper in drei Akten mit einem Libretto von Émile Deschamps und Émilien Pacini. Der belgische Komponist Luca van Hove überarbeitete die Orchestrierung der Originalpartitur. Eine Partitur, die es in sich hat. Im Positiven wie im Negativen. Zum einen ist die Musik extrem vielfältig, zum anderen zitiert sie zu oft und zu deutlich jene Komponisten, die der junge Franck damals verehrte. Er verarbeitete massenweise musikalische Einflüsse der französischen Oper, unüberhörbar von Gounod und Meyerbeer, aber auch von Beethoven und Wagner.
Dirigent Paolo Arrivabeni gelang es, diese musikalischen Einflüsse mit grosser Bravour hervorzuheben. Dieser Eklektizismus in der Musik war zunächst reizvoll, jedenfalls im ersten Akt, im zweiten und dann im dritten Akt konnte man sich auch, mangels musikalischer Originalität, etwas langweilen. Problematisch war die Besetzung der Gesangsstimmen. Philippe Rouillon als Le Duc, Werner van Mechelen als Spadoni und Isabel Kabatu als Leanor enttäuschten. Überzeugend war eigentlich nur Mark Laho in der Hauptrolle als Stradella. Der belgische Tenor hat eine kräftige melodische Stimme.
Interessant und spannend war die Regie von Jacob van Dormael. Der eigentlich für das Kino arbeitende Regisseur präsentierte Bühnenbilder und szenische Lösungen von sinnlicher Schönheit. So stellte er den Ort der Handlung, die Lagune von Venedig, als bühnengroßen Pool dar, in dem die Sänger schwimmen, singen und schauspielern mussten. Ein schräg zum Zuschauerraum aufgestellter großer Spiegel sorgte für perspektivische Spielereien von großer Suggestivität. Eines wurde bei dieser Inszenierung sicherlich deutlich: Das alte-neue Opernhaus von Lüttich hat bühnentechnisch viel zu bieten.
Thomas Migge