Dahin stürmend

Mit der VII. Symphonie setzt Markus Stenz seinen Mahler-Zyklus mit dem Gürzenich-Orchester fort, dessen Leitung er 2014 abgeben wird

(Köln, 24. Juni 2012) Es brodelt in der Kölner Kulturszene - und es stehen einige Abschiede bevor. Zwei gravierende sind es im Bereich der Museen. Schauspielchefin Karin Beier wird nach der nächsten Spielzeit an das Hamburger Thalia-Theater wechseln (aber das weiß man ja seit langem, und ein Nachfolger ist bereits benannt). Die Auseinandersetzungen zwischen dem Opernintendanten Uwe Eric Laufenberg und der Stadt (in Sachen Finanzierung) glichen in letzter Zeit jedoch einer regelrechten Schlammschlacht. Jetzt wurde Laufenberg fristlos gekündigt, nicht zuletzt wegen seiner in der Tat nicht immer glücklichen verbalen Polterein. Vor Gericht wird es weiter gehen. Die Suche nach einem neuen Intendanten hat jetzt eiligst zu starten, wobei sich jeder Kandidat der besonderen Schwierigkeiten bewusst sein muss, welche mit der gerade angelaufenen und bis 2015 hoffentlich abgeschlossenen Sanierung aller am Offenbach-Platz gelegenen Theaterhäuser verbunden sind.

Mit dem Rausschmiss Laufenbergs ergibt sich auch die Notwendigkeit, drei von ihm geplante Eigeninszenierungen für 2012/13 neu zu organisieren. Und nun teilte Markus Stenz vor ein paar Tagen mit, dass er sein Amt als Leiter des Gürzenich-Orchesters nicht über 2014 hinaus auszuüben gedenkt. Das ist eine sachliche Entscheidung, in die man nichts hinein geheimnissen muss, selbst wenn Stenz, der sein Orchester ja auch in der Oper leitet, in all die Querelen einbezogen ist. Dennoch trägt seine Ankündigung nicht eben zur Aufhellung des gegenwärtigen kulturellen Klimas bei.
So war das letzte saisonale Konzert des Gürzenich-Orchesters eine Veranstaltung mit besonderer Atmosphäre. Den frenetischen Beifall nach der Sonntags-Aufführung von Gustav Mahlers 7. Sinfonie (gemäß Abo-System folgten noch zwei weitere Konzerte) darf man durchaus als vorgezogenen Dank für die bisherigen acht Jahre einer glückvollen Tätigkeit verstehen.

Die Wahl des Werkes ist zunächst ganz neutral zu interpretieren. Parallel zur Erarbeitung der Sinfonien von Peter Tschaikowsky mit dem Ehrendirigenten Dmitrij Kitajenko (der bereits für einen Schostakowitsch-Zyklus verantwortlich war) widmet sich das Orchester unter Markus Stenz nämlich dem Werk Mahlers (auch hier in Zusammenarbeit mit dem Label Oehms). Vor kurzem erschien die 1. Sinfonie, andere liegen bereits seit längerem vor, u.a. die "Fünfte", welche 1904 in Köln unter der Leitung des Komponisten ihre Premiere hatte.
Die 7. Sinfonie gilt als weniger zugänglich als die übrigen, obwohl Mahler gerne auf ihren "heiteren" Charakter hinzuweisen pflegte. Arnold Schönberg wurde durch sie (aus allerdings anderen Gründen) zum Befürworter von Mahlers Oeuvre, während Otto Klemperer, neben Bruno Walter und Willem Mengelberg wohl der entschiedenste Wegbereiter für Mahler, sich gegenüber einigen Werken bis zuletzt reserviert zeigte. Das gilt auch für die Siebente. Von Markus Stenz sind prononcierte Äußerungen speziell über dieses Werk nicht bekannt. Ein philosophierender Dirigent ist er vielleicht nicht, aber ein exakt analysierender und einer, welcher die besondere emotionale Sphäre eines Werkes darzulegen weiß (auch verbal). Ansonsten bezwingt bei ihm sein vitaler Zugriff, seine rhythmische Energie, seine eruptive Klangentladung, die auch Klassikern wie Haydn stets einen enormen Kräfteschub verleiht.

An Mahler dürfte Stenz nicht zuletzt die reiche orchestrale Koloristik faszinieren. Ob live alle instrumentalen Details (etwa eine parallele Arco-Pizzicato-Passage am 1. Cellopult) akustisch immer ausreichend zu vermitteln sind, sei einmal dahin gestellt. Da besitzt ein Aufnahmestudio fraglos bessere Bedingungen. Die luziden "Nachtmusiken" (2. Und 4. Satz - welche den nicht originalen Untertitel der Sinfonie, "Lied der Nacht", inaugurierten) oder auch das Unstete, Flirrende des "schattenhaften" Scherzos wurden jedoch prägnant herausgearbeitet. Das "Meistersinger"-hafte Rondo-Finale ließ Stenz leuchtkräftig dahin stürmen, wobei das Gürzenich-Orchester hinsichtlich Spieldisziplin, Klangsinnlichkeit dynamischer Kraftentfaltung kaum einen Wunsch offen ließ.

Christoph Zimmermann