Gift, Verwechslungen, zwei Scheintote und Zwillingselfen

Jennifer Rivera (Stellidaura) © Rupert Larl, Innsbrucker Festwochen

Wenn Frauenrache allzu wild um sich schlägt, haben die Diener viel zu tun: Francesco Provencales frühbuffoneske Oper "La Stellidaura vendicante" bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

(Innsbruck, 10. August 2012) Es muss ja nicht immer eine der hochbarocken Herrscheropern mit dem langem Bart  sein. Dass es auch anders geht, zeigen die Festwochen der Alten Musik in Innsbruck, wo unter Alessandro de Marchi ein neuer, frischer Wind weht. Die Eröffnungsproduktion des diesjährigen Sommer heisst "La Stellidaura vendicante", was man nach Besichtigung des Werkes wohl am besten mit "Die rächerische Frau Stellidaura" übersetzen kann.

Der Komponist: Francesco Provencale, einer der Begründer der neapolita­nischen Opernschule; der Librettist: der aus Palermo stammende Andrea Perrucci (beide im Jahr 1704 gestorben). Die Auftraggeberin: Giulia de Caro, "commediante, cantarinola armonica, puttana", wie es in einer zeitgenössi­schen Chronik heisst: stadtbekannte neapolitanische Kömödiantin, wohl­klingene Sängerin und Hure oder auch kurz "Principessa di bordello" (Königin der neapolitanischen Reperbahn) genannt. Zur Zeit der Uraufführung (1674) war sie die Geliebte des spanischen Vizekönigs von Neapel und gleichzeitig Gschpusi von dessen Schwager, aber auch Pächterin des Teatro di San Bartolomeo, das unter ihrer Leitung zur Konkurrenz der venezianischen Opernhäuser heranwuchs.

Der Duft all dieser Zeitumstände weht durch alle Fugen der "Stellidaura"-Oper, eines Stücks, das trotz seiner Abkehr von "hohen" Stoffen musikalisch noch immer sehr stark von Monteverdis Recitarcantando beeinflusst ist, aber auch schon Ariosi enthält, die ihrer Zeit weit vorauseilen. Sie enthält starke volks­tümliche Züge, die lange - bis in die Zeit Rossinis - in der italienischen Oper lebendig blieben: Die Figur des verfressenen und den "Wein von Cuzzurupu" schätzenden, im kalabrischen Dialekt daherplaudersingenden Dieners Giampetro wäre selbst einem heutigen Italiener ein Rätsel, weil er kein Wort verstünde. (Kostprobe: "Ca nun sù nciutu sciutu, e nturdanatu" heisst ungefähr "So blöd und dumm bin ich auch wieder nicht".)

Lachen kann man also in dieser Barockoper wie in manchen venezianischen Opern der Zeit, und die  Verwirrungen sind so arg, dass es am Schluss einiger Scheinschlussvorhänge bedarf, um die verwickelte Geschichte von der natürlich unter falschem Namen und unerkannt erzogenen Prinzessin Stellidaura, ihrem schmachtenden Tenor-Liebhaber und dem bösartigen Fürsten Orismondo, der Stelli­daura liebt und dem Liebhaber nach dem Leben trachtet, aber in Wirklichkeit der Bruder der Pinzessin ist, ganz aufzulösen. Dazu braucht man Gift, Verwechslungen, zwei Scheintote und hinzuerfundene Zwillingselfen, die das Ende der Oper schon verkünden wollen, obwohl´s noch weitergeht.
Und all dies beaucht nicht mehr als eine barocke banda von 15 zum Teil mehrere Instrumente spielenden Musikern, die aber auch - bis hin zu Kochtopf und Kochlöffel - schon gar kein Schlagwerkzeug auslassen und ausser Tasteninstrumenten, Theorben, Gitarren und Streichern nur zwei Blockflöten und ein Fagott benötigen, um all das mit Farben zu bedenken, was diese Oper zu bieten hat

Da reichen dann auch ein einfaches aber schlaues Bühnenbild, pfiffige Kostüme und etliche wirr-gemachte Haare (Ausstattung: Karine Van Herke), bewegliche Schauspieler-Sänger und unkonventionelle Regie-Ideen (François de Car­pentries), um die Bühne zum Kochen zu bringen. Dass es epochenbedingt ein paar Längen gibt, die von den zeitgenössischen poetischen Konventionen herkommen, nimmt man gern in Kauf. Barockoper ist eben immer auch Barock-Soap-Opera - mit Herz und Schmerz und allem Drum und Dran, für das die Arienform, aber auch schon Duette zuständig sind.

Dass heute bei alten Opern nur mehr sängerisches Personal mit Know-How Am Sing-Werk ist, ist so selbstverständlich wie die Tatsache, dass die Dirigenten ihre Partituren selbst einrichten. Alessandro De Marchi hat das mit Wissen und Umsicht getan. Er leitet die Aufführung vom Cembalo aus mit vielen über­raschen­den dynamischen Einfällen und Tempovarianten. Wie alle früh-barocken Opern gibt es in "Stellidaura vendicante" keinen Chor. Auch die Zahl der Solisten hält sich mit fünf in Kammerdimensionen.
Carlo Allemano gab den liebesherrschsüchtigen Fürsten Orismondo mit baritonaler Noblesse und bösen Untertönen, Adrian Strooper war der bewegliche tenoral-ritterliche Liebhaber Armidoro und Jennifer Rivera verlieh der Titelheldin verinnerlicht-leidende bis forsche Züge. Der Countertenor Hagen Matzeit war als Armillo jener Typ von Page der Prinzessin, dem man jede geistesabwesende Wirrheit zutraut.
Enzo Capuano aber war genau jener Dienertyp, der die von der Volksmusik beeinflussten tänzerischen und perkussiven Rhythmen im Blut hat und sie mit Geschmack (also pointensicher und ohne Übertreibung) dem Publikum vorzusetzen weiss. Klar, dass er den meisten Applaus erhielt, der aber auch die beiden allgegenwärtigen, schelmischen Elfen (Aurélie Remy und Morgan Lambinet) miteinbezog.
Schade, dass Produktionen wie diese bloß dreimal gezeigt werden und dann wieder in der Versenkung verschwinden. Eine Koproduktion wäre eine schöne Sache, eine DVD wünschenswert. Immerhin aber wird es von der Aufführung eine CD und eine Radioübertragung geben (Ö1, 15. August 2012, 19.30 Uhr).

Derek Weber



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