
Stefan Temmingh ist auf dem besten Weg, in die erste Liga der Blockflötisten neben Maurice Steger und Dorothee Oberlinger aufzusteigen. Seine letztes Jahr erschienene CD "Corelli à la mode" (Oehms) bekam nur enthusiastische Kritiken, im Herbst erscheint "The Gentlemen's Flute".
Beim KlassikInfo-Konzert am Freitag, 11. Juni (19.30 Uhr) im Künstlerhaus am Lenbachplatz zeigt er neben dem Lautenisten und Bassisten Joel Frederiksen und an der Seite von Axel Wolf an der Laute das breite Spektrum seines Könnens. Im Interview mit Klaus Kalchschmid erzählt Stefan Temmingh, warum die Blockflöte ein männliches Instrument ist, wie man auf ihr richtig laut spielen kann und was Löwengebrüll dabei zu suchen hat!
KlassikInfo: Stefan Temmingh, Sie unterrichten viele Schüler. Sind das alles Mädchen?
Temmingh: Nein, sogar 60 % Jungs. Das hat sicher damit zu tun, dass Jungs in mir ein männliches Vorbild suchen, aber ich sage immer, dass die Blockflöte ja ein männliches Instrument ist - und das hat jetzt garnichts mit ihrem phallischen Charakter zu tun! Denn wenn sie gut gespielt wird, dann klingt das sehr markant. Es gibt kaum ein Blasinstrument, auf dem man so perfekt artikulieren kann - oder wenn man will auch hauchen! Denn zwischen Instrument und Spieler ist nichts dazwischen, keine Klappen wie bei der Querflöte oder Blätter wie bei der Klarinette.
KlassikInfo: Sie haben hier in Ihrer Wohnung soviele Blockflöten stehen, wie andere Männer in ihrem Arbeitszimmer Pfeifen zum Rauchen. Wieviele besitzen Sie?
Temmingh: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht! Hier in den schwarzen Kästen am Boden sind die, mit denen ich gerade verreise, und dahinten, da stehen etwa 2/3, aber die müssen Sie zählen!
KlassikInfo? 21 sind es! Wie unterscheiden sie sich?
Temmingh: Na, das sind ganz hohe und ganz tiefe dabei, und hauptsächlich sind sie von einem einzigen Blockflöten-Bauer, dem Schweizer Ernst Meyer, der heute in Paris lebt, er kann so herrlich laute Instrumente bauen!
KlassikInfo: Gibt es unter den Blockflöten auch Stradivaris?
Temmingh: Eher nicht! Denn die Blockflöte ist ja ganz aus einem Stück Holz gemacht und mit der Zeit werden die wie eine Banane, ganz krumm und dann klingen sie einfach falsch, weil die Stimmmung verzogen ist. Ich hab' da mal Instrumente ausprobiert in der Musiksammlung des Stadtmuseums. Aber die waren mir einfach zu delikat, zu leise. Die kann man im Wohnzimmer benutzen und hat drei, vier schöne Töne, die wunderbar funktionieren, aber der Rest? Und da ich oft sehr virtuose Musik spiele, die ursprünglich für Violine geschrieben ist, brauche ich den ganzen Umgfang des Instruments!
KlassikInfo: Seit wann spielen Sie Blockflöte?
Temmingh: Seit ich sechs bin, aber dann hieß es, ich sollte ein "richtiges" Instrument spielen, eben die Querflöte. Aber dieser verdammte Klappenmechanismus hat mich wahnsinnig gemacht, da ist ja immer irgendwas zwischen dir und dem Instrument! Auf der Blockflöte hast du die Finger direkt auf den Löchern und kannst dadurch auch tolle Effekte erzielen.
KlassikInfo: Wann haben Sie entschieden, die Blockflöte zum Beruf zu machen?
Temmingh: Ich schwankte lange zwischen Musik und Kochen! Aber dann habe ich einen Brief an den Münchner Blockflötisten Markus Zahnhausen geschrieben, da lebte ich noch in Kapstadt. Und da dieser Brief positiv war, ging ich mit 19 Jahren nach München. Und da bin ich hängengeblieben, denn hier gibt es Zeit zum Kunstmachen, die nötige Ruhe und das nötige Geld dafür. Außerdem habe ich hier auch rasch eine Stelle an einer Musikschule bekommen, wo ich heute noch - und sehr gerne - unterrichte, der jüngste Schüler ist fünf, der älteste 88, also das ganze Spektrum!
KlassikInfo: Was spielen Sie beim KlassikInfo-Konzert genau?
Temmingh: ?Stainless Safari? nennt sich das Stück, das Helga Pogatschar für mich komponierte, für mich, den geborenen Südafrikaner! Es ist für sieben verschiedene Blockflöten geschrieben, von denen man immer zwei gleichzeitig spielt, und Tonband, live aufgenommen im Krueger Nationalpark. Und da hört man dann die verschiedensten Tiere, natürlich vor allem Löwen! Wann immer ich das Stück spiele, ist es eine Gaudi, vor allem vor Jugendlichen!
KlassikInfo: Was sind Ihre anderen Stücke?
Temmingh: Mit Axel Wolf spiele ich ein nicht minder verrücktes und virtuoses Stück aus dem Frühbarock: "La Castella" von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (1620-1669). Das ist im "Style Fantasticus" komponiert, also enorm affektbeladen, aufgebaut auf einem sogenannten "ground", einem Bass-Modell, über dem die Blockflöte immer virtuoser wird!
KlassikInfo: Was bedeutet der Titel Ihrer neuen CD "The gentlemen?s Flute", die im Herbst bei Oehms erscheinen wird?
Temmingh: "The gentlemen?s Flute" bezieht sich darauf, dass im 18. Jahrhundert die Tasteninstrumente den Frauen vorbehalten waren und die Männer des Adels, die ja unglaublich viel Freizeit hatten, Blockflöten besaßen, ja sie sogar immer eine bei sich tragen mussten! In Hawkins "The General History and Science of Music" aus dem Jahr 1776 steht das genau so!
KlassikInfo: Was ist auf der CD zu hören?
Temmingh: In einer Zeit ohne CD gab es schon eine Woche nach der Uraufführung einer Händel-Oper die Hits daraus in Arrangements für Blockflöte und Basso Continuo. Wenn man also "Lascia ch'io pianga" aus dem "Rinaldo" noch mal hören wollte, dann musste man es auf der Flöte spielen! Auf der neuen CD sind lauter Händel-Arien enthalten, die für Psalterium, Gambe, Laute, Harfe, Fagott und Cembalo arrangiert wurden. Das war eine enorme Herausforderung, denn das größte Instrument ist für mich die menschliche Stimme, daher muss man die Stücke buchstäblich "übersetzen"! Meine Mitspieler sind allesamt musikalische Freunde in der Tradition von damals, die eine Art Händel-Motto-Party feiern, also Axel Wolf (Laute), Olga Mischula (Psalterium), Olga Watts (Cembalo), Loredana Gintoli (Harfe) und Lynden Watts (Fagott).
Karten für das Konzert am 11. Juni um 19.30 Uhr im Münchner Künstlerhaus unter info(at)klassikinfo.de oder unter 0173/8470114