Gesang der Flöte

Stefan Temmingh mit "The Gentleman's Flute" auf den Spuren Händels in London

Ach, was wäre das doch schön, wenn der Mann von Welt auch heute noch statt eines schicken Einstecktuchs, das er auf die nicht minder modische Krawatte und das teure Hemd der Saison abgestimmt hat, wie im London des 18. Jahrhunderts eine Blockflöte in der Brusttasche versteckte - um damit nach Belieben die aktuellen Hits aus Händels Opern zum Besten zu geben - im Freundeskreis, der an Harfe, Laute, Gambe, Fagott, Psalterium mit musizierte! Manchmal reichte es für einen reizvollen Abend freilich schon, zur Begleitung des Cembalos zu flöten, denn an einem solchen saß meist eine hübsche junge Dame! In einer Zeit ohne Rundfunk, Fernsehen und CD war das die einzige Möglichkeit, die zum Stadtgespräch gewordenen Händel-Hits nachzuspielen und lustvoll nicht enden wollende lange Winterabende zu verbringen.

Stefan Temmingh hat sich mit seinen großartigen Musikerfreunden Olga Mishula (Psalterium), Olga Watts (Cembalo), Domen Marincic (Gambe), Lyndon Watts (Barock-Fagott), Axel Wolf (Laute und Theorbe) und Loredana Gintoli (Barock-Harfe) auf diese Tradition besonnen und ungemein lebendige Versionen von Arien und Instrumentalstücken aus Händels Opern eingespielt.
Wahrlich zauberhaft klingt das "V'adoro, pupille" aus dem "Giulio Cesare" oder das berühmte "Lascia ch'io pianga" - traumhaft schön und wunderbar schwebend geflötet, aber nicht minder fein und zärtlich begleitet! Das Trio von Gambe, Theorbe und Flöte in Alcinas "Credete al mio dolore" könnte nicht balsamischer, ja sinnlich verführerischer klingen. Und man muss nicht wissen, wie depressiv in "Alcina" Ruggiero mit seiner Arie "Verdi prati" die Vergänglichkeit von Natur und Liebe beklagt, Morgana den Geliebten um Verzeihung bittet ("Credete al mio dolore") oder Oronte unmittelbar danach traurig ist über die Untreue der Geliebten und sich vor Liebe nach ihrem Anblick verzehrt.

Man muss das alles nicht wissen, um dem wunderbar entfalteten Reiz dieser Musik ohne Worte hörend nachzuspüren. Noch mehr als im Original entstehen so Dialoge zwischen den Streich- oder Zupfinstrumenten und der Flöte und damit grandiose, fast wie neu erfundene "Kammerduette", die vergessen lassen, dass da keine menschliche Stimme singt.
Auch in den reinen Instrumentalstücken herrscht eine großartige "Fülle des Wohllauts", der Ausdrucks- und Farbenvielfalt, etwa bei der Harfe in der Sinfonia aus "Saul". Und in einer Arie aus "Amadigi di Gaula" und dem "Sulla ruota di fortuna" aus "Rinaldo" darf sogar ein herrlich vorlaut quäkendes barockes Fagott mitspielen! Stefan Temmingh aber weiß schon sehr wohl, warum er insgesamt acht verschiedene (!) Flöten benutzt, von ganz hellen, spitzen bis zu den sonoren, dunkel menlancholisch angehauchten. Auch das garantiert in jedem der 20 Tracks eine Frische, Lebendigkeit und Differenziertheit, die nicht genug zu loben ist!

Klaus Kalchschmid

Am Dienstag, 9. November (20 Uhr) ist Stefan Temmingh im Kreise seiner Musikerfreunde mit dem Programm seiner Händel-CD im Herkulessaal der Münchner Residenz zu erleben.

 

Share |

[zur nächsten CD-Rezension]