Das schwarze Loch des Daseins

Stefan Herheim Fotot: Karl Forster Osterfestspiele Salzburg

Der aus Norwegen stammende Regisseur Stefan Herheim, der 2003 mit seiner Inszenierung von Mozarts "Entführung" bei den Salzburger Sommerfestspielen schlagartig berühmt wurde, inszeniert in diesem Jahr bei den Salzburger Osterfestspielen die "Salome" von Richard Strauss. Ein Gespräch über Wunschbildprojektionen.

KlassikInfo: Salome ist eine der fin de siecle-Opern mit einer schillernden, enthemmten Erotik, die ins Grausame gewendet wird. Am Ende der Oper fordert Salome bekanntermaßen den Kopf des Propheten Jochanaan und bekommt ihn. Wie sehen Sie diese Salome, mehr als Opfer ihrer Umgebung oder als Täterin?

Herheim: Ist sehe sie eher als ein Sprachrohr, als Instrument für verdrängte Gefühle des Mannes, in diesem Fall natürlich des Stiefvaters, der bekanntermaßen seinen Bruder umgebracht hat, um in usurpatorischer Absicht ins Bett seiner Schwägerin zu steigen, der Mutter von Salome. Der Prophet Jochanaan wird in der gleichen Zisterne gefangengehalten und schließlich geköpft, in der auch schon der Bruder des Herodes gefangen gehalten wurde. Insofern gibt es da sehr interessante Phänomene und Vergleiche. Auch zu Hamlet, zum Beispiel. Ich sehe Salome in gewisser Weise als die weibliche Variante des Hamlet, die sich an ihrer Familie für Verrat, Betrug und Lieblosigkeit rächt.

KlassikInfo: Salome ist in der Oper eigentlich ein junges Mädchen. Halten Sie sie also für schon so reif, dass sie solche expliziten Rachepläne hat?

Herheim: Mich interessiert weniger die naturalistische Psychologie, diese Figur ein zu eins zu setzen mit einer glaubwürdigen jungen Dame. Das funktioniert sowieso nicht, denn sie hat zu singen wie eine Isolde, und mit 16 kann man das nicht. Von daher geht es eher um Mechanismen, um Instanzen und Salome ist - wie gesagt - für mich ein Sprachrohr dieser ganzen Projektionen lüsterner Männer. Natürlich steht sie da absolut in einer Tradition der femme fatale, aber auch der femme fragile insofern, als sie eigentlich keine Wahl hat. Es ist für sie die einzige Möglichkeit, sich zu artikulieren, sich einen Raum zu schaffen. Insofern steht sie stellvertretend für alle Arten von männlichem Chauvinismus und Imperialismus als Projektionsfigur männlicher Wünsche und Nöte.

KlassikInfo: Ist der Prophet Jochanaan eigentlich die uneingeschränkt positive Gegen-Figur in dieser Oper? Die Musik ist ja zumindest sehr positiv. Andererseits ist es nicht besonders nett von ihm, auf Salomes Liebesgeständnisse derart schroff zu reagieren...

Herheim: Er ist natürlich ein Pendant zur männlichen Instanz des Herodes, aber ich sehe auch Strauss' Musik keineswegs als eindeutig positiv konnotiert, was Jochanaan angeht. Es ist ja belegt, dass Strauss noch viel zynischer, ironischer mit diesem Heiligen, mit seinem Heiligenschein umgehen wollte. Er hat ihm natürlich eine unglaubliche Numinosität, ein unglaubliches Pathos in den Mund gelegt, das uns alle erst einmal erschüttert. Aber es wird musikalisch nie wirklich aufgelöst, vielmehr drängt es sich in eine Art verklemmter Sexualität hinein.
Und insofern spielt Salome die ganze Zeit mit dieser Umkehrung, also alles, was Herodes gaffend, lüstern auf sie projiziert, wird von Jochanaan umgekehrt, abgewiesen. Und Salome projiziert auf ihn all das, was auf sie selbst projiziert wurde. Das sind die Mechanismen, die mich interessieren. Man könnte meinen, das Ganze spiele sich im Unterbewusstsein eines Mannes ab, der Teile seines selbst in Gefangenschaft hält, sie in einen tiefen Brunnen gesteckt hat und nicht zur Sprache kommen lassen will. Aber diese Stimme wird eben immer dämonischer, mächtiger, größer. Je mehr Angst sich aufbaut, je mehr Verdrängungsnot aufkommt, desto lauter wird die unterbewusste Kraft, die numinose Furcht vor dem Leben und vor sich selbst.

KlassikInfo: Stichwort Schleiertanz - der Horror eines jeden Opernregisseurs. Wie gehen Sie damit um?

Herheim: Ich versuche das genauso spritzig lustig, wild und frech, fast offenbachisch anzugehen, wie Strauss das selbst gemacht hat. Man hat ja immer wieder Versuche von Regisseuren gesehen, das sehr tiefenpsychologisch auszulegen, sozusagen in einer Art Retrospektive, ob nun zu einer Art Kindesmissbrauchsgeschichte zwischen Stiefvater und Stieftochter kommt oder nicht.
Ich finde diese Musik im besten Sinne oberflächlich. Und es geht eigentlich um gar nichts anderes, als darum, dass Salome genau diesen Mechanismus bedient, nämlich dass sie als Tänzerin einen Schleier nach dem anderen fallen lässt, um etwas zum Vorschein kommen zu lassen, was nichts anderes ist, als diese weiße Mondscheibe, die eigentlich nur reflektiert, was der Mann darauf wirft.

KlassikInfo: In welcher Zeit lassen Sie die Handlung spielen? Ist das eine antike Zeit oder eher gegenwärtig oder zeitlos?

Herheim: Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht, heißt es am Anfang der Oper, und dieses Heute nehmen wir ziemlich wörtlich. Allerdings ist dieses Heute in diesem Zusammenhang auch eine Art Ewigkeit, also diese 2000 Jahre Menschheitsgeschichte von Johannes dem Täufer bis zu diesem fin de siecle-Meisterwerk - diesen Zeitraum versuche ich zu überbrücken, indem ich die universelle, mythische Dimension des Werks vor allem auch räumlich darzustellen versuche, als Spiegel einer mikrokosmosartigen Verbindung zwischen Innenwelt und dem großen undefinierten, unendlichen schwarze Loch des Daseins.

KlassikInfo: Sie haben einmal gesagt: "Mein Team und ich fangen bei jeder Arbeit mit der Partitur an". Was haben Sie auch in der Zusammenarbeit mit Simon Rattle als wichtig aus der Partitur für sich erfahren? Zu welchen gemeinsamen Erkenntnissen sind Sie gelangt?

Herheim: Es ist oft sehr schwer, diese Sachen trocken am Tisch zu kommunizieren. eigentlich ergeben sich diese erst aktiv in der Probenarbeit, in der Auseinandersetzung mit dem Material. Und da gilt es für das ganze Team, sich gegenseitig auf die richtigen Wege zu lenken, damit die abgesprochenen Ideen konzeptionell zum Vorschein kommen.
Einig waren wir uns sehr früh darüber, dass die Buntheit, die schillernde Farbe, die Nervosität und dieses unglaubliche Instrumentarium, das der junge Opernkomponist Strauss da verwendet, im besten Sinn eine optische Entsprechung braucht. Daran liegt mir sehr, obwohl es schier wahnwitzig erscheint, weil es einem Licht, Farben und Tiefen so unendlich vorkommen, dass man sich ab und zu die Haare rauft und sich selbst verflucht für diese Sehnsucht, das alles auf der Bühne spiegeln zu wollen.

Robert Jungwirth

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