Im Zeichen der Individualisten

Sir Simon Rattle Foto: EMI

Die neue Konzertsaison 2008/2009 der Berliner Philharmoniker

(Berlin, Ende April 2008) Von einem saisonübergreifenden Motto hält Simon Rattle wenig, umso mehr aber von Schlaglichtern, die die Aufmerksamkeit auf einzelne Komponisten lenken und deren Werke aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. In der kommenden Spielzeit stehen dementsprechend zwei große Individualisten im Fokus der Berliner Philharmoniker, beide eng mit dem Rheinland verbunden, beide geplagt von dunklen Seelenzuständen, beide eigenwillige Musik-Denker, die mit ihrer Kunst eine Gegenwelt schufen zu einer als entfremdet erlebten Realität: Robert Schumann und Bernd Alois Zimmermann, einer der wichtigsten Komponisten der Nachkriegszeit, der 1970 seinem Leben ein Ende setzte. In drei Doppelporträts werden Werke von Schumann und Zimmermann einander gegenüber gestellt, aus der Sicht ganz unterschiedlicher Dirigenten: Der junge Finne Sakari Oramo macht im September den Auftakt, Simon Rattle und Heinz Holliger folgen. Beiden Komponisten sind außerdem jeweils eigene Konzerte gewidmet, so dass alle vier Schumann-Sinfonien zu hören sind sowie sein eher selten gespieltes Chor-Werk Das Paradies und die Peri. Und natürlich darf Zimmermanns kompositorisches Vermächtnis nicht fehlen, das Requiem für einen jungen Dichter, das im April 2009 unter der Leitung von Peter Eötvös aufgeführt wird.

Weitere Schwerpunkte der Konzertsaison 2008/2009 geben die anstehenden Jubiläen vor: Olivier Messiaens 100. Geburtstag ist Anlass für Aufführungen seiner visionären, farbenprächtigen Orchesterwerke, unter denen die gewaltige Turangalîla-Sinfonie besonders herausragt. Das seltene Ereignis des 100. Geburtstags eines lebenden Komponisten wird natürlich gebührend gefeiert: der des Amerikaners Elliott Carter, der noch immer kompositorisch aktiv ist und seinen Stil unablässig weiterentwickelt. Werke von Karlheinz Stockhausen, der im August 80 Jahre alt geworden wäre, bilden einen Schwerpunkt beim diesjährigen musikfest berlin, das von den Berliner Festspielen und den Philharmonikern gemeinsam veranstaltet wird und ab dem 4. September die Saison eröffnet. Auf dem Programm steht unter anderem seine wegen des immensen Aufwandes selten gespielte Komposition Gruppen für drei Orchester, eins der Schlüsselwerke der Neuen Musik. In der zweiten Hälfte der Spielzeit rückt dann schließlich Felix Mendelssohn Bartholdy in den Blickpunkt, dessen Geburtstag sich 2009 zum 200. Mal jährt. Seiji Ozawa wird Mitte Mai sein Oratorium Elias dirigieren, mit einer hochkarätigen Sänger-Riege, zu der die Sopranistin Annette Dasch und der Tenor Matthias Goerne zählen.

Simon Rattle selbst widmet sich einem Komponisten, der zum ureigenen Repertoire der Berliner Philharmoniker gehört: Johannes Brahms und seinen vier Sinfonien.

Die mittlerweile sechsjährige Tradition des Pianist in Residence führt Mitsuko Uchida fort, sie wird unter anderem Schumanns Klavierkonzert a-Moll spielen und natürlich Werke von Mozart, mit dem ihr Name eng verknüpft ist - und das tröstet vielleicht ein bisschen darüber hinweg, dass ein anderer großer Mozart-Pianist sein letztes Konzert in Berlin angekündigt hat: Alfred Brendel wird sich im November mit Mozarts c-Moll-Konzert verabschieden.

Große Dirigenten und große Solisten sind also auch für die nächste Saison wieder zu erwarten ? und ein großes Instrument: Die Berliner Philharmonie will ihre Karl Schuke-Orgel, die bislang recht stiefmütterlich behandelt wurde und bestenfalls in Aufführungen der Orgel-Sinfonie von Saint-Saëns oder Strauss' Zarathustra zum Einsatz kam, stärker ins Rampenlicht rücken und hat einen Zyklus von Orgel-Matineen ins Leben gerufen. International bekannte Interpreten wie die Messiaen-Expertin Almut Rößler werden sich dann an den 72 Registern zu schaffen machen ? und die Philharmonie mit selten gehörten Klängen füllen.

Eva Blaskewitz