Mit dem Thema "Natur" geht das Lucerne Festival diesen Sommer an den Start. Besuch des Eröffnungswochenendes mit Claudio Abbado und der Jungpianistin Yuja Wang - Jörg Widmann schrieb ein neues Konzert für Heinz Holliger
(Luzern, 19. August 2009) Hirschkäfer, Motten, Raupen - kriechendes und fliegendes Getier krabbelt heuer auf dem kreisrunden Logo des Lucerne Festival. "Natur" ist das Thema und "Natur" das Wort, das die Kleinlebewesen auf Programmheften und Plakaten des Schweizer Festivalgiganten, bei genauerem Hinsehen erkennbar, formen.
Die Luzerner Intendanz, Programmheftautoren - viele haben diesen Sommer noch einmal nachgedacht über das Verhältnis von der Natur zur Kunst. Etwa, wie sich das eine im anderen wieder findet. In den "Jahreszeiten" zum Beispiel, von Vivaldi oder Joseph Haydn (beide werden am Lucerne Festival gespielt). Die liebe Natur klingelt als viel sagende Herdenglocke auch durch Mahlers Sinfonien, genauso wie sie bei Charles Ives oder Gérard Grisey vorkommt. Sie ist in der "Pastorale" zu finden, aber auch - sagen wir als zweite Natur - in einem "natürlich" wuchernden Stück wie den "Répons" von Pierre Boulez. Danach, was denn die "Natur" eigentlich sei, muss man spätestens hier fragen. Die Anführungsstriche sind durchaus angebracht... "Natur" ist ein unerschöpfliches Thema. Für knapp sechs Wochen Programm genau das Richtige.
Mahler, der in Luzern traditionell guten Boden hat, sei das Motto nun "Natur" oder "Tanz" oder sonst etwas - Mahlers Erste also stand am Beginn des Festivals. Und passte - natürlich - besonders gut: "Die Einleitung zum 1. Satz Naturlaut, nicht Musik!". So wollte der Komponist seine Musik verstanden wissen. Das Eröffnungskonzert dirigierte Claudio Abbado. Es spielte das Lucerne Festival Orchestra, jenes aus begeisterten Solisten, Kammermusikerinnen und Orchesterleuten von Abbado gebildete Ensemble, dessen heterogene Zusammensetzung eine (kleine) Schwäche und dessen vielfache musikalische Intelligenz eine große Stärke ist. Gleich dreimal wurde dieses Eröffnungskonzert gegeben. Sponsoren, Journalisten und VIP-Gäste wollen eben alle bedient werden.
Mahlers Erste, das hieß hier ein erster Satz in aller Feinheit, etwas noch kaum Ausformuliertes, die unberührte Natur von Bläserquarten und das gleichfalls sehr rein und unschuldig gespielte Hauptthema nach dem Lied "Ging heut? morgen über's Feld". In bäuerlicher Kernigkeit dann das Scherzo, bewusst verzuckert das Trio. Einige kleine Bläser-Unschärfen waren hier zu bemerken. Jedenfalls: Man fühlte sich geradezu auf dem Lande. Jedem Satz also seine Farbe? Welche hätte dann der dritte "Feierlich und gemessen"? Durchsichtig vielleicht? Denn es war weniger das tieftraurige "Bruder Jakob"-Thema, das Abbado hier interessierte, als vielmehr die Momente des Verlöschens. Die sordinierten Streicher schienen aus weitester Ferne zu spielen, die Flöte starb förmlich ab. Musik zum Weinen. Auch weil der brandmagere Maestro Abbado sichtlich von Krankheit und Alter gekennzeichnet ist. Gerüchten zufolge, frage er sich, ob im nächsten Sommer noch Auftritte möglich seien. Das Glück, die unbeschreibbare Freude, die Abbado mit den beiden "Durchbrüchen" im Finale auslöste, liess solchen schweren Gedanken indes keinen Raum. Das Konzert, hier ward's zum Ereignis. Und manchem Zuhörer dürften die Endorphine heiß durch den Körper geschossen sein. Auch das ist "Natur": ein körperlicher Reflex, ausgelöst durch höchste Kunst.
Yuja Wang war vorab die junge und begeistert beklatschte Solistin in Sergej Prokofjews drittem Klavierkonzert. Es sei hier nicht auf die Natur- oder eben Nicht-Naturhaftigkeit dieses Konzerts eingegangen, als vielmehr auf die erstaunlichen Künste dieser jungen Chinesin. Erstaunlich deshalb, weil sie Prokofjew jede Schwere nahm. Trotz gewaltiger Akkordgewitter, trotz der rasenden Bassläufe, die bei Wang - das Ohr täuschend - zu nur noch unscharf wahrnehmbaren Linien verschmolzen. Kunstfertigkeit hat sie, gewiss, die 22-jährige, in China und Amerika ausgebildete Wang. Und doch hielt sich der Eindruck ihrer artistischen Zugaben ("Jahrmarkt" aus Strawinskys "Petruschka" und Rimski-Korsakows "Hummelflug") in der Erinnerung länger als ihre Prokofjew-Interpretation. Daran sollte sie vielleicht etwas ändern.
Die Moderne wird in Luzern bekanntlich gross geschrieben. Mit Composers in Residence, von denen im ersten Moderne-Konzert gleich zwei aufeinander trafen. Jörg Widmann, dem die Rolle in diesem Jahr zukommt und George Benjamin, der sie letztes Jahr innehatte. Diesmal dirigierte Benjamin das Mahler Chamber Orchestra sowie den Schweizer Oboisten (und ebenfalls Komponisten) Heinz Holliger durch die Uraufführung von Widmanns Oboenkonzert. Ein dreisätziges Werklein, das nach vielen extrem hohen Haltetönen der Oboe in einem müden Adagio endet. Das waren Schlusstakte, die den in Mehrklängen sich verlierenden Solisten einsam in einer gläsernen Akkordlandschaft zurückließen. Und wie wäre es, wenn Holliger selbst nächstes Jahr eine Luzerner Residenz bekäme?
Auch ein Lied-Rezital hielt das von heißem August-Wetter beschienene Eröffnungswochenende bereit. Magdalena Kozena sang sich von Purcell über Schumann zu Debussy und Alban Berg vor. Viel Gestaltungswille war zu bemerken. Opernhaft sollte es bei Purcell werden, mit feineren Mitteln wollte Kozena von der hohen Beglückung und tiefen Verletztheit in Schumanns "Frauenliebe und Leben" künden. Doch ihr Mezzosopran ist zurzeit zu unklar verortet. Dramatisch oder lyrisch? Barock vibratolos oder romantisch, warm vibrierend? Extrovertiert oder verinnerlicht? Viele Fragezeichen und dazwischen eine etwas angestrengte und überraschend farbarme Stimme. Am besten gelangen ihr Debussys ruhige "Chansons de Bilitis" und Alban Bergs "Liebesode" aus den "Sieben frühen Liedern". Lieder also, in denen Magdalena Kozenas eigentlich wunderschön sich selbst tragende Stimme am besten zur Geltung kam. Doch was für eine Begleitung war da zu hören! Mitsuko Uchida am Klavier - das braucht ein Ausrufezeichen. Auch wenn sie sich bescheiden und zurückhaltend gab. In den Vor- und Nachspielen wurde wieder einmal offenbar, welche großartige Gestalterin Uchida ist. Anschlag und Farben, fein gesponnene Bögen und mehrdimensionale Strukturen in aller Klarheit. Kleine große Beglückungen in kurzen Randtakten!
Wer zwischen dieser Matinée am Sonntag und dem keck programmierten Abendkonzert nicht dem Ruf des kühlenden Vierwaldstättersees erlag, konnte einen Abstecher ins Luzerner Kunstmuseum unternehmen. Bequemerweise ist es ebenfalls in Jean Nouvels immer noch faszinierenden Bau untergebracht, vom Konzertsaal zu den Ausstellungsräumen sind es nur ein paar Schritte. Eine audio-visuelle Installation von Kaija Saariaho und dem Künstler Jean-Baptiste Barrière ist zu bewundern. Bequem in einem Sitzsack versunken, konnten sich die staunenden Betrachter vom auratischen Leuchten einer Polarnacht, einer "Nox Borealis" in Klang und Bild entrücken lassen. Saariahos schillernde Sphärenharmonie (das 1986 komponierte Stück "Lichtbogen") und das digital erzeugte Polarleuchten Barrières verbanden sich zum Gesamtkunstwerk, dessen Wahrnehmung in dem kunstinteressierten Polarnachtschwärmer für schönste Verwirrung sorgte. Reagiert die Musik auf das Licht. Ist es umgekehrt? Ton und Bild in grün-blau-gelber Verschmelzung - überwältigend!
Ebenfalls einem Naturphänomen, dem Sonnenauf- und -untergang, widmete sich das über zweistündige Programm, das der Trompeter Reinhold Friedrich am Sonntagabend im Grossen Saal, der Salle Blanche, kuratierte. Zwei Dutzend Blechbläser, da kann man ruhig mit Musik aufwarten, die durchschnittlich nicht älter ist als 1970 - großer Saal wird sich dennoch füllen, garantiert das "Blech", gespielt von robusten Mannen, doch für meist handfeste Musikgenüsse. So etwa in R. Murray Schafers "Sunrise"- und "Sunset"-Music, die mit entsprechender Lichtregie den ersten Teil des Abends umrandeten: Acht Posaunen standen auf der untersten Balkonreihe und ließen einen Raumklang entstehen, einen Sonnenruf von archaischer Gewalt, der seine Hörer wie wärmendes Licht umfing. Danach gab's Kleingemüse: Auf Charles Wuorinens atonale Trompetenetüde "Nature's Concord" folgte ein "Jagdstück" von Alexander Zemlinsky, auf Jörg Widmanns hübsche Horn-"Air" ein "Nocturne" für vier Trompeten von Georges Enescu im postwagnerschen Stil. Nicht alles wollte konzeptionell einleuchten, auch wenn Reinhold Friedrich dem Naturmotto stets streng verpflichtet blieb. Das bunte Sammelprogramm haute über alle Stränge, und das kann einem doch eher förmlich ablaufenden Festival wie Luzern (welches andere dieser Größe wäre das nicht?) nur gut tun.
Die primären Naturkräfte, die uns aus Posaune, Trompete und der Basstuba entgegenwehen, abschließend in einem überbordenden Arrangement von Modest Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge" zum Zuge kommend, machten weiteres Nachdenken über Natur und Kunst überflüssig. Man wurde einfach durchgeschüttelt. Diese Urgewalt hat die Musik. Sie liegt gewissermaßen in ihrer Natur.
Benjamin Herzog
Informationen unter: www.lucernefestival.ch